Startseite > Frauenpersönlichkeiten

  Ute Tartz


Anna Magdalena Bach

 

 

Anna Magdalena Bach war die zweite Frau Johann Sebastian Bachs.
Bachs immense Arbeitsleistung wurde vielfach gewürdigt, aber dass Anna Magdalena auf eine eigene Karriere verzichtete, als sie 20-jährig den Witwer Bach mit vier Kindern heiratete, dass sie einen Riesenhaushalt mit Bachs Kindern aus erster Ehe und dreizehn eigenen, ständigen Besuchern und Schülern Bachs zu bewältigen hatte und auch noch für gute Stimmung im Hause sorgen musste, fanden die Biografen und Historiker keiner Erwähnung wert.
Viel ist über Anna Magdalena Bach nicht bekannt, was wohl bedeutet, dass sie von ihren Mitmenschen und auch späteren Generationen nur als Ehefrau Bachs gesehen wurde. Nicht einmal ein Bild existiert von ihr. Das einzig existierende ist verschollen.

Dabei hätte sie selbst Karriere machen können. Sie erhielt in jungen Jahren eine professionelle Gesangsausbildung und war danach ab 1718 als Sopranistin am Anhalt-Zerbster Hof und ab 1720 am Hofe von Fürst Leopold von Anhalt-Köthen in Köthen angestellt. Dass sie den Rang einer „Kammermusikerin“ innehatte und ein hohes Gehalt bezog, nämlich das zweithöchste nach dem Kapellmeister Bach, zeigen die Wertschätzung, die sie am Köthener Hof genoss.
Bis zu ihrer Übersiedlung mit Bach im April 1723 nach Leipzig blieb sie auch als verheiratete Frau in dieser Anstellung. Das Ehepaar Bach war also, zu dieser Zeit eine absolute Ausnahme, ein berufstätiges Ehepaar. Anna Magdalenas kurze Karriere endete aber in Leipzig. Hier hatte sie keine beruflichen Chancen mehr. Die Leipziger Oper war 1720 geschlossen worden, und in der Kirchenmusik waren Frauen nicht zugelassen. Belegt ist, dass in öffentlichen Konzerten in Leipzig bis nach 1750 keine Frauen aufgetreten sind, also auch nicht Anna Magdalena. Es wird aber vermutet, dass sie bei Privatkonzerten in der Dienstwohnung und bei den wenigen Reisen, die Bach mit seiner Frau unternommen hat, aufgetreten ist. Wie sie das Ende ihrer Karriere empfunden hat, wird nirgends erwähnt.

Geboren wurde Anna Magdalena Wilcke am 22. September 1701 als Tochter eines Hoftrompeters in Zeitz. Auch ihre Großväter sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits waren Musiker. Unter Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz hatte die Hofmusik in Zeitz große Bedeutung. Als der Herzog seine Residenz nach Weida/Thüringen verlegte, übersiedelte die Familie Wilcke mit den beiden unverheirateten Töchtern Anna Magdalena und Erdmuthe Dorothea nach Weißenfels. Es wird angenommen, dass Anna Magdalena bereits in Zeitz Gesangsunterricht erhielt, auf jeden Fall aber in Weißenfels.

19-jährig kam sie 1720 als Fürstliche Sängerin nach Köthen, wo sie eine der bestbezahlten Anstellungen unter den Musikern am Köthener Hof hatte. Der Witwer Bach war zu dieser Zeit Hofkapellmeister in Köthen. Am 3. Dezember 1721 heirateten Anna Magdalena Wilcke und Johann Sebastian Bach. Über die Gründe ist viel spekuliert worden. Die meisten Bach-Biografen gingen davon aus, dass Bach unbedingt eine Wirtschafterin und eine Mutter für seine vier Kinder brauchte. Aber war eine 20-jährige, in Haushaltsdingen und Kindererziehung unerfahrene, zudem noch Selbständigkeit gewohnte junge Frau dafür die richtige? Und andererseits aus heutiger Sicht betrachtet erscheint die Aussicht Anna Magadalenas, einen 16 Jahre älteren Mann mit vier Kindern zu heiraten, auch nicht sehr vernünftig, zumal sie keineswegs auf eine Heirat angewiesen war, um versorgt zu sein. Es muss also wohl eine große Liebe gewesen sein.


 
Thomaskirche und Thomasschule
um 1723
 

Über ihr Leben als Ehefrau und Mutter können nur Mutmaßungen angestellt werden. Für die Bachbiografen war sie eben nicht von Belang. Briefe von ihr, die vielleicht Auskunft geben könnten, existieren nicht. Es lässt sich also nur vermuten, dass ihr Leben äußerst anstrengend gewesen sein muss. In den 20 Jahren von 1723 bis 1742 gebar sie 13 Kinder, 7 Töchter und 6 Söhne. Drei Kinder erlebten nicht einmal den ersten Geburtstag, vier starben im Kindesalter, nur sechs überlebten ihre Mutter. Zu ihren ständigen Schwangerschaften kam die Besorgung des Haushalts. Außer Kindern und Ehemann mussten noch viele Schüler ihres Mannes sowie zahlreiche Gäste versorgt werden. Nach einer Äußerung des Bach-Sohnes aus erster Ehe Carl Philipp Emanuel glich die Kantorenwohnung einem „Taubenhause“. Daneben musste sie dafür sorgen, dass Bach noch die nötige Ruhe für seine kompositorische Arbeit fand. Außerdem kopierte sie handschriftlich viele Noten Bachs. Wann blieb ihr dafür die Zeit? Wahrscheinlich nachts.
Aus den Jahren 1722 und 1725 existieren zwei Notenhefte, bekannt als Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, die Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach zusammengestellt haben. Darin befinden sich Klavierkompositionen von Bach und von anderen Autoren sowie Gesangsstücke. Es ist zu vermuten, dass Anna Magdalena auch im Klavierspiel Bemerkenswertes geleistet hat, verbürgt ist es wiederum nicht. Aber etliche Stücke aus der Sammlung erfordern erhebliche Fertigkeiten auf dem Klavier. Ob sie alle gespielt hat, weiß man allerdings nicht.

Als Bach 1750 starb, gab es kein Testament und kaum finanzielle Rücklagen für die Witwe. 1751 musste Anna Magdalena die Dienstwohnung in der Thomasschule verlassen. Für ihren schnellen Auszug hatte ihr der Rat der Stadt ein paar Scheffel Korn bewilligt. Sie fand eine Wohnung in der Hainstraße im Haus des Juristen Heinrich Friedrich Graff, dessen Vater Pate für Anna Magdalenas ersten Sohn Gottfried Heinrich gewesen war. Drei Kinder blieben nach Bachs Tod in ihrem Haushalt, die älteste inzwischen 42-jährige unverheiratete Tochter Catharina Dorothea aus Bachs erster Ehe und die beiden jüngsten Töchter Johanna Carolina und Regina Susanna, dreizehn und acht Jahre alt. Der Rat der Stadt Leipzig gestattete ihr die Vormundschaft über ihre Kinder nur unter der Bedingung, dass sie nicht wieder heiratet. Damit war ihre Verarmung besiegelt. Mit dem Auszug aus der Katorenwohnung endete auch der familiäre Zusammenhalt. Die größeren, bis zu Bachs Tod noch im Haushalt lebenden Kinder fanden Aufnahme bei ihren älteren Geschwistern. Das Erbe wurde unter den überlebenden 9 Kindern und Anna Magdalena aufgeteilt, wobei Anna Magdalena ein Drittel erhielt. Aus dem musikalischen Erbe Bachs erhielt sie einen Anteil Aufführungsstimmen zu einem Jahrgang von Kirchenkantaten. Diesen Besitz trat sie aber an die Thomasschule ab, vermutlich um die Bereitschaft des Rates der Stadt zu finanziellen Zuwendungen zu fördern. Der traditionelle Anspruch der Witwe auf Zahlung eines halben Jahresgehalts wurde nämlich mit der Begründung gekürzt, dass ihr Mann 27 Jahre zuvor bei seinem Dienstantritt breits eine Vorschusszahlung erhalten habe. Zunächst erhielt Anna Magdalena von der Stadt Leipzig und der Universität eine Unterstützung. Vereinzelt erhielt sie Sonderspenden, zeitweise auch eine Unterstützung durch das Legat von Friedrich Heinrich Graff, der eine Stiftung für arme Witwen und Studenten unterhielt. 1752 bat Anna Magdalena den Rat der Stadt um finanzielle Unterstützung und bot auch Noten zum Verkauf an. Wegen "ihrer Dürftigkeit, auch einiger überreichter Musikalien" zahlte ihr die Stadt 40 Reichstaler.
Im Siebenjährigen Krieg 1756 bis 1763 presste der Preußenkönig der Stadt Leipzig jeden Taler ab, um ihn der Kriegskasse Preußens zuzuführen. Auf Unterstützung durch die Stadt konnte Anna Magdalena deshalb kaum noch hoffen. Die Töchter Bachs waren selbst mittellos, aber die Söhne waren alle Musiker wie ihr Vater. Die großen Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel unterstützten ihre Stiefmutter nicht, obwohl sie beide zu dieser Zeit in guten Verhältnissen lebten, auch ihre eigenen Söhne Johann Christoph Friedrich in Bückeburg und Johann Christian in Mailand kümmerten sich offensichtlich nicht. So lebte sie in erheblich eingeschränkten Lebensverhältnissen und war am Ende ihres Lebens auf milde Gaben anderer Leute angewiesen. Sie starb am 27. Februar 1760 als Fürsorgeempfängerin („Almosenfrau“) und wurde in einem Armenbegräbnis beigesetzt. Ihre Grabstätte blieb ohne Kennzeichnung.

Spät, nämlich erst anlässlich ihres 300. Geburtstages 2001, gedachte die Stadt Leipzig auf Initiative einer Leipziger Frauengruppe Anna Magdalena Bachs und brachte am Haus Thomaskirchhof 18, wo sich ehemals die Kantorenwohnung befand, eine Bronzetafel an, die aus Spendenmitteln finanziert wurde. Das Bach-Museum widmete ihr aus dem gleichen Anlass eine Ausstellung.

 
  Gedenktafel Thomaskirchhof 18

 

(August 2010)

 

 

 

 

Website der Projektgruppe Frauenpersönlichkeiten