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  Ute Tartz


Livia Virginia Frege

 

 

Mit der Liviastraße im Waldstraßenviertel ehrte die Stadt Leipzig 1889 die begnadete Sängerin Livia Frege. Sie wurde als Königin des Leipziger romantischen Liedgesangs bezeichnet. Der besondere Reiz ihrer Stimme bezauberte die Zeitgenossen.

Livia Virginia Gerhardt wurde am 13. Juni 1818 in Gera geboren. Bei dem Gesangslehrer Christian August Pohlenz, der von 1827 bis 1835 Gewandhauskapellmeister und damit Vorgänger von Felix Mendelssohn Bartholdy war, wurde sie zur Sopranistin ausgebildet. Sie war seine bedeutendste Schülerin.

Livia Frege
 
Livia Frege  
Mit 15 Jahren trat sie zum ersten Mal in einem Gewandhauskonzert gemeinsam mit Clara Wieck auf. Robert Schumann schrieb darüber in der Zeitschrift "Komet": "... Das Debüt der Sängerin Livia Gerhardt in Claras erstem Konzert darf ich nicht übergehen. Außer dem schönen natürlichen Vortrage… war ein warmes, auf den Zuhörer übergehendes Interesse für die erwählte Kunst sichtbar."
Nach kurzer Bühnentätigkeit am Leipziger Stadttheater wurde sie 1835 an der Königlichen Oper Berlin engagiert.
Bereits mit 18 Jahren gab sie ihre Bühnentätigkeit auf. Sie heiratete am 29. Juni 1836 den Juristen und Rittergutsbesitzer Dr. Richard Woldemar Frege und ging nach Leipzig zurück.

Richard Woldemar Frege gehörte zum Lehrkörper der Universität Leipzig, ab 1847 als außerordentlicher Professor.
Er entstammte einer der reichsten Kaufmanns- und Bankiersfamilien Leipzigs. Der Familie gehörten das heute sogenannte Fregehaus in der Katharinenstraße und das Rittergut Abtnaundorf. Woldemar Fege kaufte auch das Areal der ehemaligen Großen Funkenburg und nahm Einfluss auf die Bebauung des Geländes, das zum Kerngebiet des heutigen Waldstraßenviertels wurde.

1886 erhielt die Familie Frege anlässlich ihrer goldenen Hochzeit von König Albert den erblichen Adelstitel.

Woldemar und Livia Frege wohnten an der Bahnhofstraße (heute Georgiring).

Livia Frege trat auch als verheiratete Frau noch gelegentlich in Konzerten auf, so z.B. 1843 bei der Uraufführung von Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri", 1848 in einem Extrakonzert für die Notleidenden in den sächsischen Fabrikbezirken und 1851 in einem von ihr veranstalteten Benefizkonzert für die Hinterbliebenen Albert Lortzings, der hochverschuldet gestorben war.

Im Hause Frege und auf dem Landsitz Abtnaundorf wurden Musik und Geselligkeit gepflegt. Regelmäßig versammelte sich ein Chor mit 50 Mitgliedern zum Singen mit Livia Frege. Nur die sogenannte Neudeutsche Schule, die z.B. Richard Wagner verkörperte, war verpönt.
Eng befreundet war sie mit Felix Mendelssohn Bartholdy, der ihr z.B. die Sechs Lieder op. 57 widmete, und mit dem Konzertmeister am Gewandhaus Ferdinand David. Mit Franz Liszt pflegte sie einen regen Briefwechsel.

Eine besonders enge Freundschaft verband sie mit Robert und Clara Schumann, mit denen sie einen regen gesellschaftlichen Verkehr pflegte. Livia nahm jede Gelegenheit wahr, Schumannsche Kompositionen zu hören. Sie berichtete Clara von der Leipziger Genoveva-Aufführung. 1875 reiste Clara daraufhin nach Leipzig, um sich die Inszenierung anzusehen. Livia fuhr im März 1863 extra nach Hannover, um die Faust-Szenen unter Joseph Joachim mitzuerleben. Clara begeisterte Livia auch für die Werke von Johannes Brahms.

Im August 1886 reiste Clara nach Leipzig, um an der Goldenen Hochzeit des Ehepaars Frege teilzunehmen. Im Abtnaundorfer Park war anlässlich der Goldenen Hochzeit von Richard Woldemar und Livia Frege eine eiserne Festhalle für Theateraufführungen aufgestellt worden.

Verwandtschaftliche Beziehungen der Familie Frege gab es zur Familie von Bülow. Hans von Bülow, der später berühmt gewordene Pianist und Dirigent, war ein Cousin von Woldemar Frege. Als Kind weilte er von 1840 bis 1845 regelmäßig zu Besuch bei seinen Verwandten in Leipzig, wo sich Livia Frege und Clara Schumann um seine musikalische Erziehung kümmerten. Er wurde in das Leipziger Musikleben eingeführt, begleitete Livia am Klavier, lernte Mendelssohn und Schumann kennen, wurde mit in die Oper genommen. An seine Mutter schrieb er: "Ich lebe hier ziemlich vergnügt (wenn Livia nicht da wäre, nicht)..."1
Livia und Woldemar Frege mochten im Gegensatz zu Hans von Bülow die Musik Richard Wagners nicht. "Livia findet die Sachen schlecht oder verrückt, Woldemar fährt in der Regel zum Zimmer hinaus..."1 spottete er, als er sich 1848 wieder bei den Verwandten aufhielt. Trotzdem nahm Livia mit ihm den "Tannhäuser" durch. Bülow widmete ihr sechs Lieder.

Livia und Woldemar Frege hatten zwei Söhne. Ihr Sohn Arnold Woldemar von Frege-Weltzin war Mitglied des Deutschen Reichstags und 1898-1901 dessen Vizepräsident. Er ließ in Abtnaundorf das alte Herrenhaus abreißen und in den Jahren 1891 bis 1893 das Schloss Abtnaundorf erbauen.

Livia von Frege starb am 22. August 1891 in Leipzig. Im Abtnaundorfer Park besaß die Familie Frege am nordöstlichen Ende der Kastanienallee ein Familienmausoleum, das nach 1945 zerstört worden ist.
Clara Schumann schrieb nach Livias Tod in einem Brief an Frau von Holstein: "Ach, der Verlust ist groß! ich habe in ihr die älteste Freundin und die treueste Kunstgenossin verloren. Wie haben wir uns in Allem und Allem verstanden, wie stimmten unsere Anschauungen des Lebens und der Kunst überein! wie theilten wir die Begeisterung für das Hohe in der Kunst und den Abscheu gegen die Verwilderung der Neuzeit."2 In ihr Tagebuch schrieb sie: "Mit Livia ist alles, was mich noch an Leipzig kettete, geschwunden; ich würde mich dort, mehr als irgendwo, als Fremde jetzt fühlen, eben weil ich dort geboren, alle die schönsten Jugenderinnerungen dort haften - alle die Menschen von damals, sie sind fort, todt."2

Außer der Liviastraße erinnern noch die Fregestraße und die Christianstraße im Waldstraßenviertel an die Familie Frege.

 

(Januar 2011)

 

1 Gewandhausmagazin Nr 69, S. 36ff
2 http://www.schumann-portal.de/

 

 

 

 

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