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  Ute Tartz


Anna Marie Kuhnow

 

 

Anna Kuhnow war die erste niedergelassene Ärztin in Leipzig. 1890 eröffnete sie eine Praxis für Frauenkrankheiten, zunächst im Ranstädter Steinweg 13, ab 1894 in der Pfaffendorfer Straße 17.

Sie wurde am 27. September 1859 in Drossen in der preußischen Provinz Brandenburg als Tochter eines Gerbermeisters geboren. Bis zu ihrem 12. Lebensjahr besuchte sie eine Mädchenschule in Drossen, dann bis zum 16. Lebensjahr eine Mädchenschule in Frakfurt/Oder.
Schon im Alter von 12 Jahren interessierte sie sich für die Medizin. Da es Mädchen in Deutschland im 19. Jahrhundert immer noch verwehrt war, das Abitur zu erwerben und zu studieren, hätte sie dafür ins Ausland gehen müssen. Dafür fehlte den Eltern aber das Geld. Deshalb absolvierte sie von 1879 bis 1881 das Lehrerinnen-Seminar in Frankfurt/Oder. Im Anschluß daran ging sie zurück nach Drossen und arbeitete dort für zweieinhalb Jahre als Lehrerin.
In dieser Zeit trat sie in den Allgemeinen Deutschen Frauenverein ein. Aus dem 1878 gegründeten Stipendienfonds des Vereins, der zur Förderung des Frauenstudiums und speziell für das Studium von Medizin und Naturwissenschaften gedacht war, erhielt sie ein Stipendium.
Damit und mit Unterstützung ihrer Eltern konnte sie ab 1884 nach Zürich gehen und dort erst einmal das Abitur ablegen, nachdem sie sich mit privaten Studien in den Fächern Latein und Mathematik zusätzlich zu ihrer Lehrerinnenausbildung darauf vorbereitet hatte. Danach nahm sie ein Medizinstudium auf. 1888 bestand sie das medizinische Staatsexamen. 1889 promovierte sie in Zürich auf gynäkologischem Gebiet.

In Deutschland hätte sie keine Chancen auf Weiterbildung gehabt. Um klinische Erfahrung in den Gebieten Gynäkologie und Pädiatrie zu sammeln, bewarb sie sich an einer von Frauen geleiteten Frauen- und Kinderklinik in New York. Von April 1889 bis Ende Mai 1890 vervollständigte sie ihre Ausbildung im "New York Infirmary for Women and Children". Gleichzeitig arbeitete sie als Dozentin für Mikroskopie und klinische Diagnostik am "Womens Medical College".

1890 kehrte sie nach Deutschland zurück. Im Oktober 1890 eröffnete sie als erste niedergelassene Ärztin in Leipzig eine frauenärztliche Praxis. Aufgrund der Gewerbeordnung von 1869 war es Ärztinnen auch ohne deutsche Approbation erlaubt zu praktizieren. Allerdings durften sie ihren im Ausland erworbenen Doktortitel nicht tragen. Anna Kuhnow konnte erst 1898 nach mehrmaliger Beschwerde beim Ministerium in Dresden durchsetzen, dass ihre Approbation und ihr akademischer Titel anerkannt wurden.

Sie vertrat die Meinung, dass weibliche Ärzte unentbehrlich seien, da Frauen wegen des besonderen Einfühlungsvermögens einer Frau und andererseits auch aus Schamgefühl lieber zu einer Ärztin gehen als zu einem Arzt. Diese Meinung unterstützte auch der Allgemeine Deutsche Frauenverein. Mit deren Vorsitzender Louise Otto-Peters war sie eng befreundet und gleichzeitig ihre Ärztin.

Neben ihrer erfolgreichen Praxistätigkeit, bei der sie Frauen und Kinder aus allen Schichten behandelte, hielt sie Vorträge über Gesundheitspflege und -erziehung. Sie engagierte sich vor allem für die Gesundheitsvorsorge. In den Jahren 1892/93 hielt sie einen Zyklus von 10 Vorträgen zum Thema "Bau und Pflege des weiblichen Körpers". Sie beschäftigte sich auch mit frauenpolitischen Themen. Zum Beispiel gibt es eine Veröffentlichung von 1896 zum Thema "Gedanken und Erfahrungen über Frauenbildung und Frauenberuf".

Sie wollte in Leipzig eine Klinik für Frauen und unter der Leitung von Frauen gründen, an der auch Unbemittelte kostenlos behandelt werden könnten. Dafür wollte sie die Einnahmen aus ihren Vorträgen verwenden. Leider wurde dieses Vorhaben nie verwirklicht.

Während ihrer Leipziger Zeit entwarf Anna Kuhnow ein "Reformkorsett" und "Reformunterkleidung". Sie appellierte an die Vernunft der Frauen, auf die gesundheitsschädliche Kleidermode, vor allem auf das Korsett, zu verzichten. Ihre Reformkleidung ließ sie von ortsansässigen Unternehmen herstellen und vertreiben. Sie veröffentlichte 1893 in Leipzig die Schrift "Die Frauenkleidung vom Standpunkte der Hygiene". Für ein Verbot des Korsetts in Schulen richtete sie sogar Petitionen an das Kultusministerium in Dresden.

Bis 1898 betrieb sie ihre Praxis, dann war sie bis 1900 Kassenärztin für zwei Krankenkassen und Ärztin für fünf Lebensversicherungsgesellschaften.

1900 siedelte sie nach Berlin über, um dort als Belegärztin in einer Privatklinik weiblicher Ärzte zu arbeiten. Außerdem übernahm sie als niedergelassene Ärztin eine Praxis, die sie bis an ihr Lebensende genau so erfolgreich wie in Leipzig betrieb. In Leipzig gab es nach ihrem Weggang bis 1902 keine Ärztin mehr.

Anna Kuhnow starb am 28. Juni 1923 in Berlin.
2001 wurde die frühere Feldstraße im Leipziger Stadtteil Reudnitz in Anna-Kuhnow-Straße umbenannt.

 

(Oktober 2013)

 

 

 

 

 

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