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  Ute Tartz


Trude Richter

 

 

Trude Richter war eine Pädagogin, Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Eigentlich hieß sie Erna Barnick. Trude Richter ist ein Pseudonym. Ihr dritter Name war Gertruda Friedrichowna. Diese drei Namen stehen für drei unterschiedliche Leben.

Geboren wurde sie am 19. November 1899 in Magdeburg als Erna Barnick. Ihr Vater war Oberpostrat, ein humanistisch gebildeter Mann. Da er nicht reich genug war, um seinen zwei Töchtern eine Mitgift zu geben, tat er alles für ihre Bildung, was ihm möglich war. Neben einer guten Schulbildung ermöglichten die Eltern, Schlittschuhlaufen, Schwimmen und Bergsteigen zu erlernen; Erna war Rettungsschwimmerin, erhielt Gymnastik- und Tanzstunden sowie Klavierunterricht, was ihr später sehr nützlich war. Nach dem Besuch des Lyzeums gab sie ersten Unterricht 1919 in Frankfurt/Main an einer Hilfsschule, war dann Gouvernante bei einem Gutsbesitzer. Von 1920 bis 1924 studierte sie Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Berlin und Frankfurt/Main. Ihr Studium verdiente sie sich mit Privatunterricht. 1926 erwarb sie die Lehrbefähigung als Gymnasiallehrerin für Germanistik und Geschichte in Berlin. Seit 1926 war sie als Studienassessorin in Frankfurt und in Berlin tätig, leistete zeitweilige Vertretungs- und Aushilfstätigkeiten u. a. als Religions- und als Sportlehrerin.
Schon als Studentin schloss sie sich der kommunistischen Studentengruppe an.

Seit 1931 war sie fest in Berlin ansässig.

1932 wurde sie zum 1. Sekretär des "Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands" gewählt, der ab 1933 verboten war. Dort war sie für die Bildungsarbeit verantwortlich. Sie veröffentlichte unter dem Pseudonym Trude Richter, das sie sich 1930 zugelegt hatte, als sie begann, für Arbeiterzeitungen zu schreiben. Ihr bürgerlicher Name musste geheim bleiben, damit sie sich nicht jede Möglichkeit verbaute, im Schuldienst tätig zu sein. Auch ihre Lebensgemeinschaft mit dem Nationalökonomen Dr. Hans Günther konnte sie nicht legalisieren. Das hätte ihre sofortige Entlassung und den Verlust ihrer finanziellen Lebensgrundlage bedeutet.

1930 war Hans Günther der KPD beigetreten, sie folgte 1931. Sie waren beide arbeitslos geworden, aber da Trude (bzw. Erna) mehr als fünf Jahre im Schuldienst gewesen war, bekam sie vier Fünftel ihres Gehaltes und war somit die Verdienerin für sie beide. Der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands, für den Hans Günther und sie arbeiteten, konnte ihnen kein Gehalt zahlen.

Seit 1932 arbeitete ihr Lebenskamerad Hans Günther wissenschaftlich in Moskau. Er war dort als Mitarbeiter an der Kommunistischen Akademie und als Schriftsteller tätig. Sie selbst nahm ab Januar 1933 am beginnenden Widerstand gegen die Nationalsozialisten teil, leistete Kurierdienste zwischen Berlin und Prag, sammelte Material für illegale Publikationen und verbarg Verfolgte. Im Frühjahr 1934 emigrierte sie nach Moskau, wo sie Hans Günther wieder traf.
In Moskau vollendete sie ihre Habilitation und konnte am Pädagogischen Institut für neuere Sprachen Vorlesungen und Seminare halten. 1936 erhielt sie die sowjetische Staatsbürgerschaft.

1937 wurden beide wegen angeblicher konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit verhaftet. Nach einem Jahr Untersuchungshaft wurde sie ohne Prozeß zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Ihr Lebenskamerad starb 1938 auf dem Weg in ein Lager an der Kolyma im Durchgangslager Wladiwostok an Typhus.
Vom 17. August 1938 bis zum 14. September 1946 war Erna Barnick bzw. Trude Richter unter dem Namen Gertruda Friedrichowna im Lagergebiet am Fluss Kolyma, der ins Eismeer fließt, inhaftiert. Am 14. September 1946 wurde sie entlassen, arbeitete dann von 1946 bis 1949 als Garderobenfrau am Gorki-Theater von Magadan am Ochotskischen Meer, half auch bei der Ausgestaltung der Stücke und im Orchester.

Am 23. August 1949 wurde sie erneut verhaftet. Man "verschickte" sie "zur ewigen Verbannung" nach Ust-Omtschug in der Verwaltungsregion Magadan. Die Lagerinsassen wurden bei der Gewinnung von Bodenschätzen (Gold, Zinn, Wolfram, Uran, Kobalt, Kohle), beim Bau und der Wartung von Autostraßen und Industriebetrieben, im Zivilbau sowie bei der Holzgewinnung und in der Landwirtschaft eingesetzt. Erna Barnick wurde der Bergbauverwaltung zugewiesen. Sie arbeitete als Holzfällerin, Köchin, Gespannführerin, Landarbeiterin, Putzfrau, Schneiderin. Von 1950 bis 1953 war sie dort auch als Pianistin im Kulturklub und Fremdsprachenlehrerin in der Erwachsenenbildung tätig. Dabei kam ihr ihre gute Ausbildung zugute. 1953 wurde sie dann aus der Haft entlassen und kehrte nach Moskau zurück, wo sie wieder in die Kommunistische Partei aufgenommen wurde. Insgesamt hatte sie fast 20 Jahre als Zwangsarbeiterin und "freie Verbannte" verbracht. Für Menschen, die das Grauen nicht erlebt haben, ist schwer vorstellbar, dass sie diese Zeit als ihre Universitäten bezeichnete. Elisabeth Schulz-Semrau erinnert sich an Trude Richters Worte: "Da sind meine Bekanntschaften mit Menschen, wunderbare Frauen habe ich kennengelernt. Und meine Geologen, ja, sie kamen aus der ganzen Sowjetunion, um das Land zu erschließen. Ach, was ich bei denen alles lernen konnte. Mit dem ersten Ingenieur des Fernen Ostens bin ich heute noch befreundet. ….Und vor allem die Arbeit als Holzfäller in der Taiga. Ich wäre bestimmt in den fünfziger Jahren gestorben ohne das alles. Schon Mitte der dreißiger Jahre hatte ein Arzt Herz-Kreislauf-Beschwerden festgestellt,…Die Pilze und die Beeren - du kannst dir nicht denken, wie es da riecht. Ich kann heute an keinem Lärchenbaum vorbei, ohne ihn zu streicheln." Von bitterem Humor zeugt auch folgende Begebenheit: Auf die Bemerkung "Trude, du siehst ja so jung aus!" antwortete sie: "Schließlich habe ich auch zwanzig Jahre im Kühlschrank verbracht." 1

 
   

Voll rehabilitiert wurde sie aber erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Januar 1957 durch das Oberste Gericht der UdSSR. Anna Seghers verhalf ihr zur Rückkehr nach Deutschland, 1957 durfte sie in die DDR übersiedeln. Sie war in der DDR eine bekannte Literaturwissenschaftlerin. Ab 1957 bis zu ihrem Ausscheiden aus Altersgründen 1966 war sie Dozentin am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher. Sie wirkte dort vor allem als Mentorin später bekannter Schriftsteller wie Hans Weber, Horst Salomon, Max Walter Schulz und Günter Görlich.

In zwei Autobiographien beschrieb sie ihr bewegtes Leben. Der erste Band ihrer Erinnerungen "Die Plakette, Vom großen und kleinen Werden" (1972) reicht bis 1936. Sie informiert anlässlich des 40. Jahrestag der Gründung des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller über Funktion, Bedeutung und Arbeitsweise des Bundes und schildert interessante Begegnungen mit leitenden Mitarbeitern des Bundes, wie z. B. Johannes R. Becher, Karl Grünberg, Hans Marchwitza, Hans Lorbeer und anderen.
Die ausführlichen Schilderungen ihrer Erlebnisse im Lager und in der Verbannung "Totgesagt, Erinnerungen" (1990), konnten erst postum erscheinen. Damit hinterließ Trude Richter einen der wenigen Lebensberichte über die stalinistische Verfolgung deutscher Emigranten in der Sowjetunion, der den gesamten Zeitraum zwischen 1936 und 1956 umfaßt.

 


 
Grabplatte auf dem Südfriedhof Leipzig  

 

 

 

Trude Richter verstarb am 4. Januar 1989 in Leipzig. Sie wurde im Ehrenhain auf dem Südfriedhof begraben (Grabstellenbezeichnung: VI. 07. 197).2 Bis zu ihrem Lebensende war Trude Richter eine überzeugte Kommunistin geblieben.

 

(November 2015)

 

 

 

 

 

 

1 Leipziger Blätter Nr. 4 Frühjahr 1984, S. 60
2 Der Ehrenhain befindet sich auf der Hauptwegeachse des Südfriedhofs zwischen Kapellenanlage und Nordtor. Nur Persönlichkeiten mit besonderen Verdiensten, wie antifaschistische Widerstandskämpfer oder Erbauer des Sozialismus, wurden an diesem Ort beigesetzt. Die Grabmäler sind durch einheitlich gestaltete Kissensteine mit dem Namen des Verstorbenen aus Löbejuner Quarz und Porphyr gebildet.

 

 

 

 

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