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  Undine Jung


Ottilie von Steyber

 

 

Ottilie von Steyber wurde am 28.Juni 1804 in Luckau/Niederlausitz geboren. Ihr Vater, ein Offizier, starb im Napoleonfeldzug gegen Russland, als sie 8 Jahre alt war, an Typhus. Die Mutter mit mehreren Kindern hatte dadurch große finanzielle Probleme. Sie gab deshalb ihre Tochter Ottilie schweren Herzens zu einer befreundeten, wohlhabenden Familie in Wurzen, die ihr Fürsorge und beste Förderung zuteil werden ließen.

Nach dem Tod ihrer Pflegeeltern blieb sie mittellos zurück, da der Pflegevater sein Vermögen verloren hatte. Sie musste ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Ins Haus ihrer Mutter zurückgekehrt, entschloss sie sich, einen Lehrberuf zu ergreifen.

Im Jahr 1842 begann sie, im Haus des Leipziger Buchhändlers Friedrich Brockhaus als Erzieherin der Töchter zu arbeiten. Mit der Ehefrau Konstanze Louise Brockhaus, einer Schwester Richard Wagners, verband sie eine Freundschaft. Im Hause Brockhaus nahm sie am gesellschaftlichen Leben der Familie teil, erhielt vielfältige Anregungen und hatte Kontakt zu bedeutenden Menschen.

Als die Brockhaus-Töchter herangewachsen waren, rieten ihr Freunde, ein Erziehungsinstitut für höhere Töchter zu gründen und damit ihre Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen.

Um in Leipzig eine Privatschule errichten zu können, musste sie die Stadt Leipzig um Schutzverwandtschaft, mit der das Bleiberecht verbunden war, ersuchen. Mit der Gewährung einer Schutzverwandtschaft waren Steuern und Abgaben an die Stadt verbunden. Das Bürgerrecht konnte sie nicht erlangen, dazu hätte sie verheiratet sein und Vermögen und Besitz vorweisen müssen. Friedrich Brockhaus unterstützte sie bei ihrem Bestreben, die Schutzverwandtschaft zu erhalten, indem er ihr ein überaus lobendes Zeugnis über ihre Tätigkeit im Hause Brockhaus ausstellte.

Es ist davon auszugehen, dass die Eröffnung der Pensions- und Unterrichtsanstalt für Töchter im Jahre 1848 erfolgt ist. Die Einrichtung, in der der Abschluss der 10.Klasse erworben werden konnte, befand sich bis 1860 in der Königsstraße 4 (heute Goldschmidtstraße 10, Parkplatz neben dem Mendelssohn-Haus), wo Ottilie auch ihre Wohnung hatte. Von 1861 bis etwa 1873 hatte das Steybersche Institut seinen Sitz in der Königsstraße 22. Fast 23 Jahre war Ottilie von Steyber als Schulvorsteherin mit Erfolg tätig. Eine der dort tätigen Lehrerinnen war Auguste Schmidt, die 1865 gemeinsam mit Louise Otto-Peters den Allgemeinen Deutschen Frauenverein gründete.

Mit Anzeigen im jährlich erscheinenden Leipziger Adressbuch warb sie für ihr Institut - im Jahr 1858 wie folgt: "Lehr- und Erziehungsinstitut für Kinder jedes Alters, Tagesschüler,/ ganze und halbe Pensionaire./ Fortbildungsinstitut für junge Mädchen./Institut zur Bildung junger Lehrerinnen./ Die Aufnahme kann täglich geschehen." 1

"Aus einem Bericht des Leipziger Schul- und Kircheninspektors Gutbier aus dem Jahre 1869 geht die hohe Wertschätzung für das Steybersche Institut hervor. Insbesondere wird die Qualität der dort tätigen Lehrerinnen gewürdigt. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Privatschule, der ein Lehrerinnenseminar angeschlossen war, 4 Klassen, in denen insgesamt ca. 40 Schülerinnen lernten. Sie wurden in den Fächern Deutsch, Religion, Literatur, Pädagogik, Rechnen, Naturgeschichte, Französisch, Englisch und Gesang unterrichtet." 2

Im Jahr 1865 traf sie mit anderen Frauen in Leipzig zusammen, die für Fraueninteressen wirken wollten und entschlossen waren, dies mittels eines Frauenbildungsvereins zu tun. Der gegründete Verein, dessen Vorsteherinnen Louise Otto-Peters und Ottilie von Steyber waren, fand in kurzer Zeit regen Zulauf.
Der FBV war der erste Frauenverein, der nicht vorrangig der Wohltätigkeit diente, sondern den Frauen Hilfe zur Selbsthilfe vermittelte.
Der FBV organisierte Veranstaltungen für interessierte Frauen, wo Themenvorträge gehalten wurden, sowie Musik und Rezitationen auf dem Programm standen. Außerdem erfolgte 1865 die Gründung einer Sonntagsschule für konfirmierte Mädchen, die Deutsche Sprache, Rechnen mit Buchführung, Französisch und Handarbeit an. Diese Form der Weiterbildung war vor allem für Dienstmädchen gedacht. Eine Bibliothek und eine Speiseanstalt mit Kochschule erweiterten das Angebot.
Für aus der Volksschule entlassene Mädchen wurde Sonntagsunterhaltung und Bildung angeboten. Diese Sonntagsschule wurde erweitert - hinzu kamen Literatur, Englisch, Geographie, Geschichte, Zeichnen, Schneidern, Schönschreiben, Gesang und Gesundheitslehre. Für einige Klassen erfolgte der Unterricht auch in der Woche. Durch diese von den Vereinsfrauen, darunter Ottilie von Steyber, unentgeltlich geleistete Bildungsarbeit konnten Schülerinnen Stellen vermittelt werden. Einige ließen sich dann ebenfalls zur Lehrerin ausbilden.

Eine Forderung der Satzung des FBV`s bestand in der Einberufung einer Frauenkonferenz aus verschiedenen Teilen Deutschlands. Dieses Treffen vom 15.-18.Oktober 1865 in Leipzig führte zur Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins (AdF). Ottilie von Steyber war auch hier die Stellvertreterin von Louise Otto-Petersen. Ziel des AdF war der Zugang der Frauen zur schulischen, beruflichen und universitären Bildung und damit zur eigenständigen Erwerbsarbeit.

Ottilie von Steyber hat ihr Institut mit angeschlossenem Lehrerinnenbildungsseminar bis 1869 erfolgreich geführt.

Sie starb am 7.April 1870 an Lungenlähmung.

 

(Januar 2015)

 

1 Frauenporträts/Bildung
2 Astrid Franzke, "Leipziger Lerchen" Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. Leipzig

 

 

 

 

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