Startseite > Frauenpersönlichkeiten in Leipzig

  Ute Tartz


Marie Wieck

 

 

1828 heiratete Friedrich Wieck, der Vater Clara Wiecks (verheiratete Schumann), die 20 Jahre jüngere Clementine geb. Fechner. Friedrich Wieck brachte drei Kinder mit in diese zweite Ehe, die Tochter Clara und die Söhne Alwin und Gustav.
Johanna Marie Wieck wurde am 17. Januar 1832 in Leipzig im Hause Reichsstraße 79 als zweites Kind in dieser Ehe nach Clemens (geboren 1829) geboren. 1834 folgte noch die Schwester Cäcilie.

Die zu ihren Lebzeiten bekannte Pianistin, Sängerin, Musiklehrerin und Musikpublizistin Marie Wieck ist heute weitestgehend unbekannt. Sowohl in verschiedenen Musiklexika als auch in Biografien über Friedrich Wieck und Clara Schumann wird nur spärlich über Marie Wieck berichtet. Objektive Auskunft über ihr Leben gibt sicher nur ihre Autobiographie "Aus dem Kreise Wieck-Schumann", Dresden 1914.

Wie ihre 13 Jahre ältere Schwester Clara wurde auch Marie musikalisch von ihrem Vater unterrichtet. Besonders nachdem sich Clara durch ihre Heirat mit Robert Schumann dem Einfluss ihres Vaters entzogen hatte, setzte Friedrich Wieck alle Hoffnungen auf Marie. Sie sollte eine ebenso berühmte Pianistin wie Clara werden.
Mit fünf Jahren hatte der Klavierunterricht zunächst durch Herrn Anger aus Lüneburg, einen Schüler Friedrich Wiecks, begonnen. Ein Jahr später übernahm Friedrich Wieck dann selbst die Ausbildung Maries. Da er berufsbedingt weniger Zeit für Marie hatte als früher für Clara, gab er die Anweisungen zum Unterricht, und die Kontrolle übernahmen Herr Anger, der größere Bruder Alwin und die Mutter. Marie war aber nicht so begabt wie Clara, die als pianistisches "Wunderkind" und als die berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts galt. Marie dagegen war kein "Wunderkind", dem alles zuflog, was ihren Vater im Tagebuch für Marie zu der Einschätzung veranlasste, sie sei duselig, dumm, faul. So ähnlich hatte er sich allerdings auch über Clara geäußert. Aber die intensive und systematische Ausbildung durch Friedrich Wieck führte zunehmend zum Erfolg.
Wie auch Clara erhielt Marie von privaten Hauslehrern eine gute Allgemeinbildung, wobei auf das Erlernen von Fremdsprachen besonderer Wert gelegt wurde.

1840 zog die Familie von Leipzig nach Dresden. Hier trat Marie in Dresdner Privatzirkeln zusammen mit ihrem Vater, aber auch solistisch bereits auf. Öffentlich debütierte sie dann am 20. November 1843 in Dresden in einem Konzert von Clara Schumann, mit der sie vierhändig spielte. Die Kritiken würdigten ihr Spiel und bescheinigten ihr eine überzeugende künstlerische Leistung. Auch die vorher oft kritische Schwester Clara zollte ihr Anerkennung.
Ihr erstes Solokonzert gab sie am 14. Febr. 1844 in Bischofswerda. Es begann nun eine lange Karriere als Pianistin, die erst kurz vor ihrem Tod 1916 endete. Zunächst waren es wenige Konzerte räumlich nicht allzu weit von Dresden entfernt. 1845 spielte sie als Dreizehnjährige im Gewandhaus Leipzig und erhielt gute Kritiken. Von 1846 an spielte sie in Dresden, Freiberg, Magdeburg, mehrmals im Gewandhaus, in Bremen, Teplitz und Berlin. Dresden mit seinem Umland und Leipzig blieben in den folgenden Jahren das Zentrum ihres Wirkens.

Neben ihrer Konzerttätigkeit setzte sie ihre Klavierstudien bei ihrem Vater fort und begann auch, selbst zu unterrichten, zunächst ihre jüngere Schwester Cäcilie und dann auch ihre Nichte Marie Schumann. Sie übernahm die Lehrmethode ihres Vaters und führte diese fort. Zu Wiecks Methode gehörte, dass am Anfang ohne Noten die Finger trainiert wurden und erst später die Noten dazukamen.

1857 wurde Marie Wieck aufgrund ihrer hervorragenden pianistischen Leistungen zur Hof- und Kammervirtuosin von Hohenzollern ernannt.

1859 reiste sie erstmals nach London, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester Clara Schumann mehrere Konzerte gab. Daneben gab sie auch Unterricht in England. Erst ein Jahr später kehrte sie nach Deutschland zurück.
Beide Schwestern konzertierten in der Folgezeit öfter zusammen, z.B. 1860 in Bad Kreuznach, 1865 nochmals in London.
Marie Wieck konzertierte in vielen Städten Europas mit großem Erfolg, nicht nur als Solistin, sondern auch mit prominenten Musikern der damaligen Zeit. Große Konzertreisen führten sie neben den bereits genannten deutschen Städten nach Wien, Italien, England, Russland, das Baltikum, in die Schweiz und nach Skandinavien. In den skandinavischen Ländern hielt sie sich besonders gern auf. Dort war sie auch als Lehrerin tätig.
Während ihrer Schwedenaufenthalte hatte sie bei Freunden die dort üblichen Sommerhäuser kennen gelernt. 1893 erwarb sie eine kleine Holzvilla in Schweden und ließ sie sich mit der Eisenbahn zuschicken. Schwedische Arbeiter bauten das Holzhaus in Hosterwitz bei Dresden am Hang auf mit Blick über das Elbtal bis hin zur Sächsischen Schweiz. Diese Sommerwohnung nutzte sie, so oft ihre Konzerttätigkeit ihr die Zeit dafür ließ. Das Haus wurde in den folgenden Jahren Treffpunkt vieler bekannter Persönlichkeiten. Dort schrieb sie auch ihre Autobiografie. 1909 verkaufte sie das Haus aber. Die neue Besitzerin ließ es in Hosterwitz zerlegen und nach Wentow, Kreis Ruppin im Brandenburgischen an den Wentowsee transportieren und dort in der gleichen Art wieder aufbauen, wo es heute noch steht.

Neben ihrer pianistischen Tätigkeit widmete sie sich außerdem dem Gesang. Sie erhielt von ihrem Vater Gesangsstunden. 1855 erfolgte ihr öffentliches Debüt als Sängerin. Später wirkte sie auch erfolgreich als Gesangspädagogin, zunächst zusammen mit ihrem Vater und dann allein, wobei sie seine Schüler übernahm.

Außerdem war Marie Wieck auch musikschriftstellerisch tätig und setzte sich vor allem für die Verbreitung der Lehrmethoden ihres Vaters ein, indem sie Lehrwerke ihres Vaters herausgab, so z. B. 1875 die Pianoforte Studien von Friedrich Wieck und 1877 gemeinsam mit Wiecks Schüler Louis Grosse Friedrich Wiecks Singeübungen. 1912 erschien die erste Auflage der bereits erwähnten Familienchronik, in der sie die Familiengeschichte der Wiecks aufarbeitete.
Außerdem engagierte sie sich für die Wieck-Stiftung, die Friedrich Wieck anlässlich seines 86. Geburtstages 1871 zur Förderung bedürftiger Klavier- und Gesangslehrer gegründet hatte.

Marie Wieck stand zeitlebens trotz der großen Anerkennung ihrer künstlerischen Leistungen im Schatten ihrer großen Schwester. Die Vergleiche mit der "talentvollen Schwester" in der Öffentlichkeit begannen schon früh, und sogar bei höchstmöglichem Kritikerlob minderten die Hinweise auf die "geniale Clara Schumann" ihre pianistischen Leistungen. Offenbar war ihr Klavierspiel aber so ausgezeichnet, dass sie künstlerische Eigenständigkeit errreichte.
Ihr Leben verlief im Gegensatz zu Claras Leben unspektakulär. Sie war nie verheiratet und blieb kinderlos. In ihrer Autobiografie erwähnte sie aber einen früh verstorbenen Verlobten.

In den letzten Lebensjahren schränkte eine schwere Augenerkrankung, die kurz vor ihrem Tode zur Erblindung führte, ihr nahezu rastloses Schaffen ein. Sie blieb aber bis ins Alter künstlerisch aktiv und hielt auch ihre Reisetätigkeit aufrecht. Ihre letzten Konzerte gab sie noch Ende 1915/Anfang 1916 in Dresden.
Marie Wieck starb am 22. November 1916 in Dresden. Sie wurde auf dem Trianitatisfriedhof beigesetzt. Ihr Nachlass befindet sich im Schumann-Haus in Zwickau.

(Oktober 2012)

 

 

 

 

 

Website der Projektgruppe Frauenpersönlichkeiten