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Projektgruppe

Utopische Gemeinschaften. Ideen – Realisierungsversuche – Nachwirkung (19. und 20. Jahrhundert)

Finanzierung: BMBF
Leitung: Dr. Arnold Bartetzky (GWZO), PD Dr. Dietlind Hüchtker (GWZO)
Laufzeit: 2014–2019
Beteiligte Disziplinen: Geschichte, Kunstgeschichte, Architekturgeschichte, Literaturwissenschaft

Kurzbeschreibung

"Fuck Utopia?", fragt derzeit ein Graffito in einem Viertel im Leipziger Westen, in dem alternative Wohn- und Nachbarschaftsprojekte erprobt werden. Die Formulierung mag nur bedingt zitierfähig sein. Sie spricht aber in zugespitzter Form ein wichtiges Thema der Gegenwart an, bei dem sich Zukunftsdenken mit einem Blick in die Geschichte verbindet. Das Fragezeichen steht dabei für den Zweifel, ob utopisches Denken nur ein historisches Phänomen sei. Das neue Interesse an Utopien, das sich hier andeutet, ist der Ausgangspunkt unserer Projektgruppe. Sie untersucht politisch-soziale, literarische, künstlerische und architektonisch-städtebauliche Modelle idealer Gemeinschaften in der östlichen Hälfte Europas im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert. Dabei geht es um utopische Konzepte, ihre Realisierungsversuche und schließlich ihr über Generationen und historische Zäsuren hinweg zu beobachtendes Nachleben. Unter Utopien verstehen wir Entwürfe, die auf eine radikale, möglichst alle Bereiche umfassende Umgestaltung von Lebenspraxis und Gesellschaft zielen. Mit diesem totalen – und zumindest latent auch: totalitären – Anspruch unterscheiden sich Utopien von bloßen Reformideen, zu denen sie sich wie Revolution zu Evolution verhalten. Betrachtet werden aber auch ganzheitlich orientierte Reformbewegungen, die sich von utopischen Entwürfen kaum trennscharf abgrenzen lassen. In der Projektgruppe wirken vier interdisziplinär verschränkte Einzelprojekte zusammen, die verschiedene Aktionsfelder utopischen Denkens und Handelns in den Blick nehmen – von freimaurerischen Ideen für ideale Gemeinschaften über Modelle gleichberechtigter Partnerschaft und freier Liebe sowie Künstlersiedlungen mit ihren Programmen zur Erneuerung von Kunst und Gesellschaft bis zu kollektivistischen Wohnbauprojekten, die neue Lebensformen generieren sollten. Geplant ist darüber hinaus ein Projekt zu literarischen Utopiediskursen. Den durch parallele Fragestellungen und analogen Aufbau aufeinander abgestimmten Projekten liegen einige gemeinsame Arbeitshypothesen zugrunde. Dazu gehört die Annahme, dass Utopien die Probleme der Gesellschaften, in denen sie entstanden sind, spiegeln und zeitgenössische Debatten radikalisieren. Zugleich wird davon ausgegangen, dass Utopien einerseits per se zum Scheitern verurteilt sind, andererseits aber durchaus nachhaltige Spuren hinterlassen. Die Projekte tragen dieser These Rechnung, indem sie im Anschluss an die Analyse der meist in den Jahrzehnten um 1900 entstandenen utopischen Entwürfe deren Nachleben bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, zum Teil auch bis in die Gegenwart verfolgen.

Mitarbeiter der Projektgruppe

PD Dr. Dietlind Hüchtker
Radikale Umbrüche? Projekte zur Neugestaltung der Geschlechterbeziehungen in diachroner Perspektive

Dr. Marina Dmitrieva
Künstlerkolonien im östlichen Europa: Kunsterneuerung und gesellschaftliche Utopie

Zsófia Turóczy
Freimaurerische Modelle idealer Gemeinschaften in der östlichen Hälfte Europas

Dr. Arnold Bartetzky
Neue Bauten für den Neuen Menschen – Architektur und Städtebau für ideale Gemeinschaften

Aktivitäten der Projektgruppe

  • Workshop "Mädchenhandel und Völkerrecht. Internationale Verrechtlichungsprozesse vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart", GWZO/Universität Erfurt (zs. m. Dietmar Müller, Kathleen Zeidler u. Sonja Dolinsek) (4.-5. November 2016) Call for papers
  • Konferenz "Frauenfrage und Architektur. Räume für Geschlechterutopien vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart" (GWZO, 8.–9. April 2016) Programm
  • Vortrag von dr Katarzyna Stańczak-Wiślicz (Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Warschau) zum Thema "New woman and modern girl on the cover- women’s magazines in post-1945 Poland as agents of female identity", (GWZO, 14. Juni 2016)
  • Community and Utopia. Artist's Settlements in Eastern and East-Central Europe, from the Fin-de-Siècle to Socialism (Nida Artist Colony, Nidden, Litauen, 3.-5. Mai 2016)
  • Moderation der Filmdiskussion Płynące wieżowce (Tiefe Wasser), Polen 2013, von PD Dr. Dietlind Hüchtker, Filmreihe „Polnische Gesellschaft heute, filmpolska reloaded", Aleksander-Brückner-Zentrum, MLU Halle-Wittenberg, 12. April 2016
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtker "Love: Concepts and Studies on Great (?) Feelings" auf der Winter School, International Max Planck Research School for the Anthropology, Archeology and History of Eurasia, Max Planck Institute for Social Anthro-polgy, Halle/S./MLU Halle-Wittenberg, 2. Februar 2016
  • Vortrag von Dr. Marina Dmitrieva "The Rustic Hut: Rediscovering the Woods – Abramtsevo, Tuusula, Zakopane" auf European Revivals Conference 2015: Return to Nature. Artist's colonies and Nature in art, architecture and design around 1900, Kraków, Museum Tartrzanskie w Zakopanem. Krakau und Zakopane, 23.-25.09.2015.
  • Diskussion des Films "Różyczka (Little Rose)", Polen 2011, Dietlind Hüchtker zus. mit Hans-Christian Trepte (Universität Leipzig) im Rahmen der Filmreihe des ABZ, 26.5.2015
  • Vortrag von Marina Dmitrieva "Der Pastorale-Blick. Die Künstlerkolonien im östlichen Europa als Bauernutopien" auf der Konferenz "Was Häuser und Wege erzählen. Die Frauensiedlung Loheland im Kontext der Moderne des 20. Jahrhundert". Stiftung Loheland, Amt für Denkmalpflege Hesse, Loheland, 29.-30.05.2015
  • Vortrag von Marina Dmitrieva "The Renaissance behind the Iron Curtain" auf der Konferenz "Politics, Power state and the construction of History of Art after 1945", Museo Reina Sofia, Madrid, 8.-20.05.2015
  • Vortrag von Marina Dmitrieva "The Kondakov-Institute of the Russian Exiles in Prague. Between art history and geopolitics" auf der Konferenz Association of Art Historians and Bookfair Conference, panel: Nationale Histories of Art beyond the National Borders (org. by Geraldine Johnson and Toshio Watanabe). Norwich, 9.-11.04.2015
  • Renaissancen der Renaissance. Aneignung einer Epoche in den marxistischen Kunstgeschichtsschreibungen. Internationaler Workshop. Konzept und Organisation: Marina Dmitrieva und Antje Kempe, Alfried Krupp Kolleg Greifswald, 19.-21.03.2015
  • Workshop Hippie Culture, Music and Utopia, organisiert von Dietlind Hüchtker (GWZO, Leipzig, 3. Februar 2015)
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtker zum Thema „Liebe als Utopie? Geschlechterentwürfe und Gesellschaftskritik in Galizien um 1900“ auf dem Kolloquium "Aktuelle Probleme der Osteuropa-Forschung",  (Universität Greifswald, 13. Januar 2014)
  • Vortrag von Dr. Thomas Flierl (Hermann-Henselmann-Stiftung, Berlin) zum Thema „Socgorod i novyj byt – Debatten über Stadt und Lebensweise in der Sowjetunion um 1930“ (GWZO, 18. Februar 2014)
  • Vortrag von Dr. Hanna Grzeszczuk-Brendel (Technische Universität Posen) zum Thema „Zwischen Glasarchitektur und Metropolis. Soziale Utopie und Dystopie im Expressionismus“ (GWZO, 3. Juli 2014)
  • Vortrag von Dr. Marina Dmitrieva zum Thema „R.U.R. or the New Adam? The Robotic Revolution as an Avant-garde Dystopia“ auf der International IAWIS/AIERTI Word and Image Group Conference (Dundee, 11.–15. August 2014) Panel Searching for a New Utopia of Otherness – Transrational, Robotic, Architectural auf der Konferenz Utopia des European Network for Avant-Garde and Modernism Studies (Helsinki, 29.–31. August 2014), organisiert von Dr. Marina Dmitrieva
  • Vortrag von Dr. Arnold Bartetzky zum Thema New Homes for New Men. Collective housing projects around 1930 and their post-1945 afterlife im Panel The Day After the Happy Future: Central European Avant-garde 1919–1969 and its Ideological and Aesthetic Struggles auf der Konferenz Utopia des European Network for Avant-Garde and Modernism Studies (Helsinki, 29.–31. August 2014)
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtker zum Thema „Writing for a Better World: Utopian Ideas and Political Aims – The Example of Rosa Pomeranz“ im Panel The Day After the Happy Future: Central European Avant-garde 1919–1969 and its Ideological and Aesthetic Struggles auf der Konferenz Utopia des European Network for Avant-Garde and Modernism Studies (Helsinki, 29.–31. August 2014)
  • Vortrag von Dr. Arnold Bartetzky zum Thema „Invasion of Suburbia: The Appropriation of Urban Wastelands in Post-1989 Leipzig“ auf der 12th International Conference on Urban History (Lissabon, 03.–06. September 2014)
  • Panel The Globalization of ‚White Slavery‘? Local and Global Aspects of a Transnational Phenomenon auf der Konferenz des European Network in Universal and Global History, organisiert von PD Dr. Dietlind Hüchtker zusammen mit Karina Müller-Wienbergen (Paris, 04.–07. September 2014)
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtker zum Thema „The Localization of Victims in a Global Context. A Zionist Debate about ‚Trafficking Women‘“ im Panel The Globalization of ‚White Slavery‘? Local and Global Aspects of a Transnational Phenomenon auf der Konferenz des European Network in Universal and Global History (Paris, 04.–07. September 2014)
  • Vortrag von Dr. Marina Dmitrieva zum Thema „Transcending Gender. Cross-Dressing als performativer Akt bei KünstlerInnen der Avantgarde“ auf der Konferenz Crossing Borders: Marianne Werefkin and the Cosmopolitan Women Artists in her Circle, organisiert vom Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, und Humanity Research Center at Jacobs University, Bremen (Bremen, 11.–12. September 2014)
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtker zum Thema „Miłość, małżeństwo i partnerstwo: Krytyka związków małżeńskich na przełomie XIX i XX wieku. Rozważania nad historią emocji [Liebe, Ehe und Partnerschaft: Ehekritik an der Wende zum 20. Jahrhundert. Überlegungen zur Emotionengeschichte]“ auf der Konferenz Kobieta i mężczyzna – dwa światy, jedna przestrzeń, Pädagogische Universität (Krakau, 15.–16.Oktober 2014)
  • Tagung Vorbild – Topos – Mythos: Skandinavien in den Kulturen des Baltikums im 20. und 21. Jahrhundert, organisiert von Dr. Arnold Bartetzky, Dr. Janis Kreslins und Dr. Ulrike Nürnberger (Böckler-Mare-Baltikum-Stiftung, Bad Homburg vor der Höhe, 16.–17. Oktober 2014)
  • Vortrag von Dr. Marina Dmitrieva zum Thema „Between Russia and Europe. Ukrainian Modernism on the global map of the international avant-garde” auf der Konferenz Globalizing East European Art: Past and Present, organisiert vom Prof. Dr. Piotr Piotrowski, Institut für Kunstgeschichte, Adam Mickiewicz Universität Poznań und Galeria Labirynt in Lublin (Lublin, 24.–27. Oktober 2014)
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtkerzum Thema "Liebe als Utopie? Geschlechterentwürfe und Gesellschaftskritik in Galizien um 1900", 3. Polnischer Studientag (Universität Konstanz, 12.-13. Juni 2014)
  • Vortrag von PD Dr. Dietlind Hüchtker zum Thema "Ungleichheit, Differenz, diversity – Debatten in der Geschlechterforschung" auf dem Arbeitstreffen „Ungleichheit im Fokus der Europäisierung und konflikttheoretischen Überlegungen" der Arbeitsgruppe "'Jenseits von Klasse und Nation'. Ungleichheitskonflikte in Europa" (Hamburger Institut für Sozialforschung, 18.-19. September 2014)

Publikationen der Projektgruppe

Monographien / Sammelbände

  • Hüchtker, Dietlind: Politik als Performance. Politische Bewegungen in Galizien um 1900 (Geschichte und Geschlechter 65). Frankfurt am Main/New York 2014
  • International Review of Social History. Special Issue: „White Slavery": Local and Global Aspects of a Transnational Phenomenon. Hg. v. Dietlind Hüchtker u. Karina Müller-Wienbergen (i. Beg.)
  • Dekonstruieren und doch erzählen. Polnische und andere Geschichten. Hg. v. Jürgen Heyde/Karsten Holste/Dietlind Hüchtker/Yvonne Kleinmann/Katrin Steffen (Polen: Kultur – Geschichte – Gesellschaft/Poland: Culture – History – Society 2) Göttingen 2015

Aufsätze

  • Hüchtker, Dietlind: The Localization of Victims in a Global Context. Social Reform, Jewish Politics and the "Combat against Trafficking Girls" around 1900, in: International Review of Social History. Special Issue: „White Slavery": Local and Global Aspects of a Transnational Phenomenon. Hg. v. Dietlind Hüchtker u. Karina Müller-Wienbergen (i. Beg.)
  • Dietlind Hüchtker: Gleichheit und Differenz – Politik und Historizität in den Geschlechterdebatten. In: Ungleichheitskonflikte in Europa – „Jenseits von Klasse und Nation". Hg. v. Monika Eigmüller/Nikola Tietze, Hamburg 2017 (i. Vorber.)
  • Hüchtker, Dietlind: Mission als Praxis, Metonym und Metapher: Politische Bewegungen, Reformprojekte und Entwürfe von einer besseren Gesellschaft (19./20. Jahrhundert). In: Wirtschaft und Gemeinschaft. Konfessionelle und neureligiöse Gemeinschaftsmodelle im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. v. Winfried Müller u. Swen Steinberg. Bielefeld 2014, 217-231
  • Hüchtker, Dietlind: Der 8. März 1975. Zur Historizität von Vor- und Darstellungen sozialistischer Frauenpolitik in Polen. In: Mitropa 2015, 25–30

Gastwissenschaftler

2014

  • Dr. Thomas Flierl, Hermann-Henselmann-Stiftung, Berlin
  • Prof. Dr. Ákos Moravánszky, Eidgenössische Technische Hochschule, Zürich
  • Dr. habil. Hanna Grzeszczuk-Brendel, Technische Universität Posen
  • Dr. András Zwickl, Ungarische Nationalgalerie, Budapest Wolfgang Kil, Berlin
  • Prof. Dr. Vladimir Slapeta, (Brno) - Architektur

2015

  • Prof. Ing.arch. DrSc. Vladimir Šlapeta, Technische Universität Brno
  • Dr. Roland Prügel, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
  • Ula Tornau, M.A., Kunstakademie Vilnius

2016

  • dr Katarzyna Stańczak-Wiślicz, Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Warschau

Kooperationspartner

  • Prof. Dr. Bożena Chołuj, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, Kulturwissenschaftliche Fakultät
  • Prof. Dr. Gabriella Hauch, Universität Wien, Institut für Geschichte
  • Prof. Dr. Steven E. Harris, Second World Urbanity Network, Washington
  • Dr. Petra James, Université Libre de Bruxelles, Faculté de Philosophie et Lettres
  • Prof. Dr. Mart Kalm, Estnische Akademie der Künste, Tallinn
  • Dr. Dobrochna Kałwa, Universität Warschau, Historisches Institut
  • Dr. Barbara Klich-Kluczewska, Jagiellonen-Universität Krakau, Historisches Institut
  • Dr. Janis Kreslins, Königliche Bibliothek Stockholm / Böckler-Mare-Balticum-Stiftung
  • Prof. Dr. Steven Mansbach, Maryland University Washington,  Dept. of Art History & Archaeology
  • Dr. Iryna Matsevko, Center for Urban History of East Central Europe, Lemberg Stiftung Bad Homburg
  • Dr. Oxana Sarkisova, Central European University Budapest,Department of Legal Studies
  • PD Dr. Henrike Schmidt, Freie Universität Berlin / (p)ostkartell. Institut für angewandte Kulturforschung, Hamburg
  • Prof. Dr. em. Thomas Topfstedt, Universität Leipzig, Institut für Kunstgeschichte
  • Lucie Zadražilová, Kulturwissenschaftlerin, Prag

Innerhalb des GWZO intensive Kooperation mit Dr. Christine Gölz, Fachkoordinatorin für Literaturwissenschaft

800x600 Jugend, Geschlecht und Populärkultur im Sozialismus. Das Beispiel Polen, Käthe-Leichter-Vorlesung, Universität Wien, 9.12.2015 Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE MicrosoftInternetExplorer4