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Projektgruppe: Utopische Gemienschaften

PD Dr. Dietlind Hüchtker

Radikale Umbrüche? Projekte zur Neugestaltung der Geschlechterbeziehungen in diachroner Perspektive

UG Huechtker

Plakat für die Uraufführung von Stanisław Wyspiańskis Drama „Wesele“ von 1901, das Krakauer Hochzeit zwischen dem Adligen Lucjan Rydel und der Bäuerin Jadwiga Mykołajczykówna als Signal für Gesellschaftsreform verarbeitet

Kurzbeschreibung

Ein zentrales Thema von (utopischen) Entwürfen einer besseren Zukunft war und ist die Organisation von Sexualität, Ehe und den Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Schon die Genre bildenden Texte und Experimente wie Thomas Morus’ Utopia oder der Phalanstère, die Produktions- und Wohngenossenschaft von Charles Fourier, zeichneten sich durch die Gestaltung von Geschlechter-, Familien- und Gemeinschaftsbeziehungen aus. Um 1900 kursierten utopische wie auch dystopische Ideen und Experimente weltweit – als eine Art cross-mapping. Ehekritik und Sexualität waren Gegenstand von Literatur, Politik und Kunst, beschäftigten Frauen- und sozialistische Bewegungen, Sozial- und Lebensreform, die Medizin wie auch die entstehende Psychologie. Über die literarische und künstlerische Avantgarde und ihre Experimente der klassischen Moderne ist umfassend nachgedacht worden. Nach 1917 wurden die Gestaltungsideen der Russischen Revolution (wie auch ihr Scheitern) und insbesondere die von Aleksandra Kollontaj zu neuen Bezugspunkten. Das Projekt untersucht Übersetzungen, Transfers und Rückwirkungen der Ideen und Realisierungsversuche nach, auf und in Ostmitteleuropa. Die Krakauer Hochzeit zwischen dem Adligen Lucjan Rydel und der Bäuerin Jadwiga Mykołajczykówna als ein Symbol oder Signal für Gesellschaftsreform und moderne Nation sowie die Versuche des ukrainischen Publizisten und Literaten Ivan Franko, seine Liebesbeziehungen in Kommuneexperimenten zu politisieren, stellen den Ausgangspunkt der Studie dar, die kulturellen Umbrüche in den Geschlechterbeziehungen am Ende des 20. Jahrhunderts (Jarocin, das polnische Woodstock?) den Endpunkt. Die Region Ostmitteleuropa wird dabei weniger nach Einheitlichkeit oder Spezifik befragt, vielmehr bildet sie einen mobilen Raum, dessen Grenzen und Bedeutungen für Entwürfe und Realisierungen noch auszuloten sind.