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Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig
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Amazonen    PDF

(griech. Amazones, 'ohne Brust'), ein seit der Antike wohlbekanntes Volk von kriegerischen Frauen, die keine Männer in ihrem Staat dulden und Königin Thalestris, die Alexander selbstbewußt gegenübertritt und ihm vorschlägt, statt Krieg zu führen mit ihr ein Kind zu zeugen (Alexanderroman; Dares Phrygius; Orosius 3,18,5; Iustin 12,3,5). Hier stand den Griechen ein Gegenbild ihrer eigenen Gesellschaft gegenüber, welches ihnen sowohl ethisch wie in diesem Fall auch militärisch Respekt abnötigte. In der griechischen Historiographie ist der Amazonenstaat Themiskyra am Schwarzen Meer etwa gleichzeitig mit Troja, also um 1200 v.Chr., untergegangen. Das Treffen zwischen Alexander und der Amazonenkönigin fand jedoch laut → Alexanderroman am Kaspischen Meer statt. Jedenfalls ist es durchaus möglich, daß Reminiszenzen an mutterrechtliche Gesellschaften am Schwarzen Meer während der Bronzezeit den Ursprung der antiken Amazonensage bilden könnten. Ursprünglich wohl distinkt von diesem antiken, vorwiegend durch die Alexandertradition vermittelten Bild der Amazonen am Schwarzen bzw. Kaspischen Meer ist die westeuropäische Tradition des Mittelalters, welche einen Frauenstaat im Baltikum ansetzt. Wie A. S. C. Ross und K. Vilkuna überzeugend gezeigt haben, dürften diese Vorstellungen eines Frauenlandes im Baltikum auf die skandinavische Verwechslung bzw. Volksetymologie des finnischen Stammesnamens der Kainulaiset ('Bewohner des Flachlandes'; altnordisch Kvaenir, altengl. Cwēnas) mit altnordisch kvennir 'Frauen' zurückgehen; die Kenntnis der antiken Amazonenlegende bei den Autoren schon des Früh-MA hat das Bild des "Frauenlandes" zu einem "Amazonenstaat" gewandelt, wie es uns bei den Enzyklopädisten des Hoch-MA gegenübertritt (vgl. etwa Lambert von St. Omer: Liber floridus). Ganz ohne die Elemente des antiken Amazonenstaats ist das baltisch-nordische Frauenland noch bei Paulus Diaconus (I,15; 8. Jahrhundert), Othere's Reisebeschreibung von Skandinavien in der Orosiusübersetzung König Alfreds (9. Jahrhundert) und bei Adam von Bremen (3,15; 4,17,19 und 25; 11. Jahrhundert) zu finden, so daß diese nordische Tradition wohl als eigenständige Entwicklung anzusehen ist, die sich allerdings auch bei arabischen Geographen finden läßt, etwa al-Hwārizmī (8. Jahrhundert), al-Idrīsī (12. Jahrhundert) und Ibn Sa'īd (13. Jahrhundert). Davon zu unterscheiden sind autochthone Entwicklungen, die sich auch sonst nicht nur in Europa finden, wo mögliche Reminiszenzen matriarchalischer Gesellschaften einerseits, volksetymologische Deutung von Toponymen (Magdeburg, Megenberg) zu Lokaltraditionen von Frauenländern, Frauenbergen oder Frauenburgen führt; die von Cosmas von Prag (11. Jahrhundert) im Libussa-Abschnitt seiner Chronica Boemorum (I,9) erwähnten "frei lebenden und wie Amazonen bewaffneten Mädchen" in Prag sind davon aber wohl zu trennen und nur als Topos vom ursprünglichen Leben zu verstehen. Im Hoch-MA wird die Amazonentradition, üblicherweise in der Nordisches und Antikes verengenden Form (vgl. die Sage von der Abstammung der Amazonen von den Goten bei Jordanes, Getica 7,8, Teil der Wundervölkertafeln [Thomas von Cantimpré III,2; Jacobus de Vitriaco, und viele andere mehr]), sodaß es einerseits immer mehr zu einer Verlegung der Amazonen an den Rand der Ökumene, andererseits zu phantasievollen Ausgestaltungen von Frauenvölkern kommt, etwa in der Legende von bärtigen Frauen (Epistola premonis; Gervasius von Tilbury III,73 und 76; Liber monstrorum I,22; Brief des Priesterkönigs Johannes: Zarncke 911; Jacobus de Vitriaco: Historia Orientalis 92), die am Roten Meer (oder in Indien) leben und wilde Tiere jagen, oder in der Sage von den pferdefüßigen Frauen namens Lamiae (Brief des Farasmanes; Brief des Priesterkönigs Johannes: Zarncke 950). Für die moralisierende Auslegung des "Wundervolks" der Amazonen in der hochmittelalterlichen Enzyklopädik ist dann wieder der Sittenspiegelaspekt der Alexandertradition ausschlaggebend.



Autor(en)Author(s)
RUDOLF SIMEK

Erstellungsdatum
Creation Date
1995-01-01

Literatur und Quellen
References
Lit.: T. LEWICKI, Arabskie legendy o kraju Amazonek na połnocny Europy, in: Zeszyty Naukowe Uniwersytetu Jagiellońskiego 13, 1957, 283 - 307; A. S. C. ROSS, Othere's "Cwenas and Lakes", in: Geographical J. 120, 1954, 337 - 345; K. VILKUNA, Kainuu-Kvänland: ett finsk-norsk-svenskt problem, Uppsala 1969 (= Acta Academiae regiae Gustavi Adolphi 46); K. R. RÖHL, Aufstand der A. Gesch. einer Legende, Düsseldorf - Wien 1982; R. SIMEK, Elusive Elysia, or: Which Way to Glaesisvellir?, in: Sagnaskemmtun. Studies Hermann Pálsson, 1986, 247 - 275; A. WESCHE, T. LEWICKI, A., in: LdM I, 1980 514; E. HOFFMANN, Amazone - Mythos oder Wirklichkeit?, in: Bestattungswesen und Totenkult in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, hg. F. Horst, H. Keiling, Berlin 1991, 317 - 344.