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Das Theater der Wiederholung

Zum Verhältnis von Theater und Geschichte im Theaterhistorismus des 19. Jahrhunderts und in der Praxis des künstlerischen Reenactments

Das Forschungsprojekt untersucht den Theaterhistorismus des 19. Jahrhunderts und die zeitgenössische Praxis des künstlerischen Reenactments zum ersten Mal im verbindenden Rahmen einer Theorie der Wiederholung. Es wirft ein neues Licht auf das Verhältnis von Theater und Geschichte, indem es deren doppelte Verflechtung in der Moderne seit 1800 analysiert: in der Gestalt des Historismus des 19. Jahrhunderts und in der Metapher des Schauspiels der Geschichte, als das zur gleichen Zeit herausragende Denker Geschichte begreifen. Im Anschluss an diese entwirft das Projekt mit Deleuze das Konzept von Geschichte als Theater der Wiederholung und erprobt und entfaltet es an den beiden exemplarischen theatralen Formen der Auseinandersetzung mit Geschichte: dem Theaterhistorismus und den Reenactments. An den Schauplätzen Berlin, Paris und Meiningen des 19. Jahrhunderts will das Projekt unterschiedliche Formen der theatralen Konstruktion von Gemeinschaft herausarbeiten. An zeitgenössischen künstlerischen Reenactments will es die unterschiedlichen Weisen des gemeinschaftlichen Wiederholens historischer Ereignisse aus der Diktatur- und Befreiungsgeschichte (Ost)Europas analysieren

Die Untersuchung folgt dem Prinzip, die in beiden Theaterpraktiken verhandelten Geschichtsbilder zu rekonstruieren und die Konstrukte zu konfrontieren mit den dort gleichfalls auftretenden Effekten der Sekundarität, der Wiederkehr des Verdrängten und des Theatralischen, die die Anstrengungen von Konstruktion und Wiederbelebung durchkreuzen. Methodisch leitend ist die Analyse des intermedialen Zusammenspiels und der Differenz von Bild, Kostüm, Dramaturgie und körperlicher Bewegung.

Der Theaterhistorismus und die künstlerische Praxis des Reenactments werden bislang als Antipoden angesehen. Indem das Projekt beide Theaterpraktiken erstmals systematisch aufeinander bezieht, verspricht es sich einen doppelten Zugewinn: Eine Neu/Wiederentdeckung des theatralen Historismus als potentiell mehrdeutige und zukunftsoffene kulturelle Praxis und eine Reformulierung der Theorie des Reenactments, die die Schlacken einer Metaphysik der Präsenz abstreift und Reenacten als Gesten-Praxis des Nach- und Überlebens und der fortgesetzten Theatralisierung festgeschriebener historischer Diskurse und Geschichtsbilder begreift.

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