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Historische Anthropologie des Akteurs. Band 1: Schauspielstile

Autor(en) / Herausgeber: Gerda Baumbach
Sprache(n): Deutsch
Erscheinungsdatum: 24.05.2012
296 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-86583-611-3
Dokumente/Vorschau: Inhaltsverzeichnis

 

Schauspieler regen unsere Phantasie an. Wie machen sie das? Nicht immer gleich. Weder Mensch noch Schauspieler erschöpfen sich in scheinbar ewig währender Beständigkeit und Gleichförmigkeit. Aus historischen und kulturellen Vergleichen treten erhebliche Unterschiede der Auffassungen vom Menschen sowie vom Schauspieler und seinem Tun hervor. Theorien über den Schauspieler entstehen in Folge anthropologischer Konzeptionen und Menschenbilder so wie umgekehrt Schauspielen an Menschenbildern mitwirkt oder diese hinterfragt und in praxi umspielt.
Die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert dominante Übereinkunft vom Schauspieler als Menschendarsteller wirkt weiter. Doch in Gegenwart und Vergangenheit ist die Praxis vielfältig. Verzauberung, Vergnügen und Faszination sind nicht verflogen. Was also ist Schauspielen?
Das Buch legt in Stichproben seine Vielfalt offen und beschreibt drei historische Schauspielstile, die in Wechselbeziehung mit Seinsweisen und anthropologischen Konzeptionen zur Geltung kamen.
Seit der Theatermoderne des 20. Jahrhunderts gibt es in Folge des als fragil anerkannten Subjekts Rückgriffe auf historische Stile, nun in vielfachen Kombinationen, Mischungen oder Synthesen. Das Erinnern an die Schauspielstile und damit an verschiedene Verfahren des Erkennens und Wissens von menschlichem Sein kann gerade für die Schauspielerpraxis in der Gegenwart hilfreich sein. Der Weg des Erinnerns führt zur Suche nach einem eigentümlich »Schauspielerischen«, das lange Zeit als des Teufels galt.


In Vorbereitung

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Schauspieler
Historische Anthropologie des Akteurs. Band 2: Historien

Der zweite Band wagt sich bis zu mythischen Verbindungen in unbekanntere Gefilde vor, ist doch die Frage nach einem eigentümlich »Schauspielerischen« trotz einiger Vorstöße im ersten Band nicht beantwortet. Beim bürgerlichen ›wahren Anstand‹ sucht man es vergebens. Man kann nicht umhin, zu den ›üblen‹, ›schlechten‹, ›bösen‹ Künsten vorzudringen. Der Teufel, so warnte noch Martin Luther, sei ein »Tausendkünstler«. Er galt als in tausend Künsten versiert, im Tanzen, Schwindeln, schnell und behände Sein, im Betrügen, Springen und Geschichten Erfinden, im Verführen, Schwafeln, Tricksen, im Liedlein Trällern, alle Sprachen, auch die der Tiere, Sprechen sowie überall und unverhofft Erscheinen. Und er galt als einer, der sich beliebig in alle und alles, nicht zuletzt in die Schlange, verwandeln kann. Es ist kein Zufall, dass sich das Können der traditionellen Akteure mit des Teufels Künsten deckt. Der christliche Teufel gilt als der Erste unter den hergebrachten Schauspielern. Alle diese Künste, so die Lehre, kosten das Publikum die Seele. Und so ist es kein Wunder, dass Schauspielern – und zwar nach entsprechenden Operationen – erst im 19. Jahrhundert der Stand eines Künstlers und angesehenen Bürgers nicht mehr gänzlich versagt blieb. Eher scheint es ein Wunder, wie jene Künste – Praktiken des Lebens und Überlebens – fortexistierten.


Gerda Baumbach
Erinnern, Erzählen, Leibwissen. Historische Anthropologie des Akteurs.
In: Baumbach, Gerda; Darian, Veronika; Heeg, Günther; Primavesi, Patrick; Rekatzky, Ingo (Hg.):
Momentaufnahme Theaterwissenschaft. Leipziger Vorlesungen. Berlin: Theater der Zeit [= Recherchen, Bd. 117],
S. 107-120.

Akteure gehören nicht jederzeit und überall der aus der Synthese von Christentum und Antike sich speisenden humanistischen Tradition an. Zivilisatorischen Legitimationsstrategien gemäß wurde in lang währender und sich wiederholender Auseinandersetzung die Integration der schließlich »Schauspieler« genannten Akteure in den humanwissenschaftlichen Orbit vollzogen und die eigenwertige Spezifik ihrer Praktiken vernebelt.
Die Betrachtung dieser Praktiken – weil sie physischer Art sind, zu den Toten in Beziehung stehen und sich in Komplizenschaft mit metamorphosierender Natur befinden – muss notwendigerweise auf die Trennung von Naturgeschichte und Humangeschichte stoßen. Mit der Praxis traditioneller Akteure sind Vorgänge der Naturgeschichte weitaus enger verbunden, als es uns, befangen in unserer Wissenskultur und deren Terminologie, bewusst ist.
Souveräne Akteure stellen nicht dar, sondern erzählen – und zwar auf ihre spezifische Weise: im Verein mit ihren Figuren bzw. Leibmasken, beruhend auf dem Eigenwert der Leibesbewegung, der Verwandlung und des Rhythmisch-Tänzerischen. Sie laden das Publikum ein, die Geschichten phantasierend und träumend zu ergänzen. Derartige Praktiken wirken auch in unserer hochzivilisierten Gegenwart. Ihre im mythischen Denken wurzelnden Verfahren des Komplementierens der Gegensätze – seinen Komplementaritätsgedanken legte der Physiker Nils Bohr 1927 erstmals öffentlich dar – können auch uns erreichen, weil sie mit den Grundlagen der Materie sowie mit der Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz aufs engste verbunden sind.

Vgl. hierzu die auf nachtkritik.de veröffentlichten Leipziger Thesen Erzähler zwischen Natur und Geschichte von Gerda Baumbach im Rahmen der Ringvorlesung Theaterwissenschaft. Aus Tradition Grenzen überschreiten vom 2. Juli 2014.