Themenforum: Theater-Episteme und Wissenssysteme – Radikale Historisierung?

Beim XII. Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft “Episteme des Theaters”, der vom 25. bis 28. September 2014 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand, hat eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftler_innen des Leipziger Instituts für Theaterwissenschaft das von Gerda Baumbach geleitete Themenforum “Theater-Episteme und Wissenssysteme – Radikale Historisierung” bestritten. Ausgehend von dieser provokanten Fragestellung wurde diskutiert, unter welchen Voraussetzungen Theatergeschichte die erste Option für eine Revision der Theaterwissenschaft, ihrer Urteilsgrundlagen und Geltungsansprüche sein kann. Die aktuell erneut gebotene Reflexion des Theater-Begriffs wird erst dann zu einer kritischen, wenn auch historisch wiederkehrende Merkmale anerkannt werden, die ein allein ästhetisch verstandener Gegenstand „Aufführung“ nicht berührt. Doch es ist nicht nur die Historisierung „des Theaters“, sondern auch die Historisierung „der Geschichte“, die zu einem veränderten Wissen über Theater führt. Der Weg dorthin ist ein methodologischer.
Um uns hier und heute im Verhältnis zum bisher anerkannten Wissen (auch über Theater) zu positionieren, ist vom Absoluten Abschied zu nehmen, ist das jeweils repräsentative Wissenssystem durch parallel existierende zu komplementieren, ist die konsequente Relativierung auch der eigenen Position zu ertragen. Dem kommt das Behandeln von Kulturen als Kommunikationsgefüge ineinander greifender und aufeinander reagierender epistemischer Strukturen und Traditionsstränge entgegen. Auch ein Normativ wie „das Theater“ wird dann obsolet. Das Anwenden des Theatergefüges als spezifisch epistemologisches Instrument zur Beschreibung von Kulturen legt Aushandlungsprozesse offen, die p.e. eine historisch bedingte Legitimation favorisierter Praktiken als Theater zum zeitweiligen Ergebnis haben können. Aus dem Blickwinkel des Gefüges ist „Theater“ eine relative Bezeichnung, befinden sich doch ausgeübte rituelle, spielerische, soziale oder artifizielle Praxen nicht notwendig in Übereinstimmung mit theoretisch legitimiertem Theater.
Die kritische Betrachtung akteurgebundener Praxen fällt aus der Notwendigkeit des Historisierens nicht heraus. Es führt – aufgrund historisch bedingter Dopplungsvarianten von „Akteur“ und „Mensch“ als der bestimmenden Eigenart schauspielerischer Praktiken – zum anthropologischen Kern des sich selbst historisierenden Lebewesens „Mensch“. Doch wir müssen uns mit der Relativierung unserer selbst, unserer gegenwärtig-historischen Subjektivität nicht bescheiden. Wir können zu Theater-Epistemen vorstoßen, zu Wissen von Theater, zu einem Wissen der Erfahrung und Erinnerung, das der „Erzähler-Akteur“ durch die „Identität von Physis und Mythe“ in der jeweiligen Gegenwart gemeinschaftlich verwirklicht. Dies setzt voraus, die Wissenssysteme, in denen wir unser Wissen ordnen, in ihrer historischen Bedingtheit zu erkennen, denn auch die Wissenschaften „der Natur“ sind Teil von Kulturen.
Die ReferentInnen gaben für die Diskussion der skizzierten Fragen Impulse in Gestalt exemplarischer „kleiner Erzählungen“: über die Relativierung des von der „Reformtheatergeschichte“ zum Absolutum erhobenen „Beginns“ deutschen Theaters im 18. Jahrhundert in Anbetracht der Fortführung herkömmlicher Praxen, durch Einbeziehung der religiösen Kämpfe um Theater im ausgehenden 17. Jahrhundert und des Einflusses des federführenden italienisch-französischen Reformers, über die Wieder- und Neuerfindung artifizieller Praktiken im 20. und 21. Jahrhundert, über das Phänomen figurenimmanenten Wissens in Praxen im europäischen Mittelalter sowie im iberischen Raum zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit.

Merle Nümann, M. A.
Leipziger Theaterreform: Teleologische Geschichtsschreibung und die Konsequenzen

Ingo Rekatzky, M. A.
Protestantismus und Theater: Der hamburgische Theologenstreit als Voraussetzung für die Epistemologie bürgerlichen Theaters

Mechthild Gallwas, M. A.
Die „verbesserte Schaubühne“: Gottscheds Rückhalt bei dem italienischen Reformer Luigi Riccoboni

Maria Koch, M. A.
Wiederkehr und Erfindungen: Meyerholds uslovnyj teatr – Herbert Fritschs souveräner Schauspieler

Ronja Flick, M. A.
Strukturfigur als Vermittlerin von Komplementarität: marginalisierte Wissensbestände?

Theresa Eisele, B. A.
Pedro/Juan: Iberische Kristallisationen einer europäischen Strukturfigur

Prof. Dr. Gerda Baumbach (Chair)