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Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig
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Alt-Lübeck    PDF

Westslaven

Burgwall nordöstlich von Lübeck; Burg und Seehandelsplatz im Stammesgebiet der →Obodriten , erbaut um das Jahr 819 auf einer Landzunge am Zusammenfluß von Trave und Schwartau, zerstört 1138; Vorgängersiedlung der deutschen Neugründung →Lübeck (1143 mit Namensübertragung), danach Vetus Lubica (Helmold, c. 34). 1225 ging Alt-Lübeck aus dem Besitz des Bischofs von Lübeck an die Stadt über. Der Name (Liubice) geht wohl auf altpolabisch *L'ubky, Mehrzahl zum Personennamen *L'ubek, oder auf altpolabisch *L'ubici, Ableitung von einem mit *L'ub- beginnenden Personennamen zurück. Der Ort wird erstmals bei → Adam von Bremen civitas Liubice (II/19, schol. 12, in leubice III/20, civitas Sclavorum IV/1 - schol. 96) sowie mehrfach bei Helmold von Bosau (u.a. c. 34, 57) erwähnt, der die Endphase (Residenz und frühstädtische Siedlung) beschreibt (c. 48). Die "Epistola Sidonis" (in: Helmold, Anhang 236 - 245) und Urkunden aus den Jahren 1139 (ecclesia in castro Lubece, MGH DKo III, Nr. 17), 1141 (Schleswig-Holstein-Lauenburgische Regesten und Urkunden, Nr. 79, S. 35 f.), 1225 und 1298 (alden lubeke, oldenlubeke, UB Lübeck I/1, Nr. 30, S. 36 f., Nr. 678, S. 610 f.) beziehen sich weiterhin auf den Ort. Das Diplom von 1141 spricht von dem locus capitalis Slaviae. Die Lage der ursprünglich inselartigen Niederungsburg, deren Umgebung im Süden und Westen bereits während des Bestehens der Anlage verlandete, bot Schutz sowie eine für militärische Operationen im Westraum des Obodritengebietes und für den nordsüdlichen Fernhandel günstige Verkehrsverbindung. Vielleicht hebt dies den Ort schon seit der Gründungsphase gegenüber benachbarten zeitgleichen Burg-Siedlungs-Komplexen hervor. Im 11./12. Jahrhundert erhöhte die politische Rolle als Residenz und Machtzentrum im Grenzgebiet dreier Teilstämme des Obodritenstaates noch die Bedeutung. Außerdem erlebte der Ort einen wirtschaftlichen Aufschwung zu einer Frühstadt. Die historische Überlieferung gab den Anlaß zu ersten archäologischen Untersuchungen im Jahre 1852, die dann 1882 und 1906 - 1908 wieder aufgenommen wurden (Ausgrabung der Burgkirche, erste Siedlungs- und Wallschnitte, Grabung des Südtores). Nach dem 2. Weltkrieg konnten durch umfangreiche Ausgrabungen die Burg und ihre Umgebung erfaßt werden (A. Karpinska, W. Hübener, W. Neugebauer), die bis in die jüngste Zeit überprüft und vollendet wurden (H. H. Andersen). Die ältere Forschung faßte Alt-Lübeck im wesentlichen als Neugründung des 11./12. Jahrhundert im Rahmen des Ausbaus des Obodritenstaates auf, heute lassen sich die Anfänge der Burganlage jedoch bis ins frühe 9. Jahrhundert zurückverfolgen. Schwerpunkt der Besiedlung war immer die Burg. Die Wallschnitte der letzten Jahre und deren dendrochronologische Datierung ermöglichen eine Dreigliederung ihrer Baugeschichte: Burg I: etwa 817/19, Burg II: 1055/56 und Burg III: um 1087 + 5 Jahre. Dabei hatte die Burg in allen Bauphasen gerade Fronten mit abgerundeten Ecken (größte Ausmaße 80 x 110 m); die Ähnlichkeit der Burg I mit einem fränkischen Kastell ist unverkennbar.
Der Wall der Burg I (819) (Abb. Alt Lübeck. 1) folgte dem ehemaligen Ufer, das damals im Westen einen 2 m hohen Steilhang bildete. An seinem Fuß fand sich ein vom Wasser überspültes Vorgelände, das heute völlig verlandet ist. Hier gab ein Tor, zu dem eine Brücke führte, Zutritt zur Burg, die damit, im Gegensatz zu den späteren Anlagen, eine Westorientierung aufwies. Dieses Tor brannte bereits im 9. Jahrhundert aus und wurde zugeschüttet. Keramikfunde lassen auf eine schwache Besiedlung im westlichen Vorgelände schließen. Der Siedlungshorizont der Burg I war in Wallnähe am stärksten ausgeprägt; Schichten, die älter sind als die Burggründung, konnten bisher nicht sicher nachgewiesen werden, wohl aber einzelne Funde, die älter sein könnten. In großen Mengen, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten, fand sich früh- und mittelslavische Tonware (→ Keramik ) innerhalb der Burg. Die Keramik bestand zu 70 % aus unverzierter, zu 30 % aus Ware Feldberger und Menkendorfer Art. Eine mediterrane Mosaik-augenperle, Scherben Tatinger Keramik und von Muschelgrusware, eine süddänische Kleeblattspange (Abb. Alt Lübeck. 2) u.a. Kleinfunde lassen Fernbeziehungen der Burgbewohner deutlich werden. Burg I scheint um 900 aufgelassen worden zu sein. Stratigraphisch bezeugt vielleicht eine den älteren Burghorizont teilweise überdeckende sterile Trennschicht diese Niedergangszeit. Eine Neubesiedlung erfolgte um 1000, sie ist sowohl dendrochronologisch als auch stratigraphisch zu fassen. Mit Burg II (1055/56) wurde der Ort neu befestigt. Der vorhandene Wall wurde durch eine mächtige Holzkonstruktion (Abb. Alt Lübeck. 3) verbreitert. Diese Befestigung besaß ein Tor im Süden, das nach vorliegenden Befunden jedoch erst 1063 eingebaut wurde. Von ihrem Zugang her war die neue Anlage also zur Trave hin orientiert. Der Torbau erfolgte im Zusammenhang mit einer Kanalisation des Burginneren durch ein Sielsystem, das heute vom nördlichen Wall bis zum Traveufer nachgewiesen ist. Von der Bebauung dieser Burg sind Grundrisse kleiner Blockhäuser nördlich der späteren Burgkirchen bekannt.
Burg III (um 1087 + 5 Jahre; Abb. Alt Lübeck. 4) ist durch eine beachtliche Verstärkung der Wehranlage (durch neue Aufbau- und ausgedehnte Schleifungsschichten nachweisbar) und eine, jedoch nur im Westen lokalisierte Palisade mit vorgelagertem, 10 m breitem Graben zu erkennen. Hier wurde zuerst eine kreuzförmige Holzkirche erbaut, später eine steinerne Kirche. Die Wände der Holzkirche, die auf Schwellbalken auf der Sohle der Gräben errichtet waren, standen in Stabbauweise in tiefen Wandgräben (nachgewiesen durch Verfärbungen senkrechter Bohlen). Auf verlandetem Gelände entstand außerhalb des Südtores ein Suburbium (sog. Handwerkersiedlung). Kleine Blockhäuser und Uferwege bezeugen mehrere Siedlungsphasen dieses Suburbiums, das heute in torfigen Schichten eingebettet ist. Jenseits der Trave gab es zu dieser Zeit außerdem eine colonia mercatorum (vgl. Helmold, c. 48), deren Reste allerdings bereits um 1880 dem Travedurchstich zum Opfer fielen. Auch das verlandete westliche Vorgelände war in der spätslavischen Periode besiedelt. Die Burghorizonte II und III sind stärker ausgebildet als der Horizont der Burg I. Die einheimische Keramik ist ausschließlich spätslavisch (v.a. Teterower und Vipperower Typ, der erste vorherrschend). In der Endphase wird eine für Alt-Lübeck eigene Stempelverzierung der Keramik (sog. Ringaugen) charakteristisch. Die Schichten dieser Zeit enthalten auch besonders viele nichtkeramische Funde. Fernbeziehungen sind jetzt über Einzelfunde (z.B. sächsische Kugeltopfware, ottonischer Goldschmuck) hinaus historisch (u.a. kirchengeschichtlich) und an Einflüssen in Architektur und Münzwesen zu erfassen. Burg I ist nicht in den schriftlichen Quellen nachweisbar; ihre Errichtung könnte im Zusammenhang mit den damaligen politischen Spannungen stehen, der gemeinsamen Abwehr der Franken durch Dänen und Obodriten nach 817. Grenzbefestigungen dieser drei Mächte aus jener Zeit sind bekannt (→Danewerk 808, Esesfeld [Itzehoe] 809/10, Alt-Lübeck 819, hier als strategische Befestigung des linken Traveufers), die auch als operative Brückenköpfe verwendet werden konnten. Außerdem fand der Handelsweg von →Bardowick zur Travemündung zur Erschließung der Ostsee wohl in Alt-Lübeck eine Endstation, was die Vermutung erlaubt, daß der Ort auch Seehandelsfunktionen erfüllte; ein Bezug zu →Reric scheint daher möglich.
Burg II dürfte ein Bauwerk des Obodritenfürsten Gottschalk (1044 - 1066) gewesen sein, der nach Adam von Bremen den Ort als christliches Kultzentrum förderte (III,20). Die Neuanlage mag in den Rahmen des Ausbaus staatlicher Strukturen des Obodritenreiches gehören (so W. H. Fritze). Burg III war vornehmlich die Residenz von Gottschalks Sohn Heinrich (1093 - 1127), der auch ihr Bauherr gewesen sein dürfte, sowie seiner Nachfolger (u.a. der Däne Knud Lavard); sie erfüllte daher auch die Funktion einer →Pfalz . Alt-Lübeck erlebte in dieser Zeit seine letzte Blüte, stand aber auch mehrfach im Brennpunkt kriegerischer Ereignisse. Die Erstürmung der Burg und der umliegenden Siedlung 1138 (Helmold, c. 48) leitete das endgültige Ende ein. Burg II und mehr noch Burg III spiegeln die Entwicklung zu einem frühstädtischen Zentrum wider (mit den Schwerpunkten Burg inklusive Residenz, Suburbien, Kaufmannsniederlassung mit eigener Kirche und wahrscheinlich Hafenanlage). In der Burg können archäologisch und historisch repräsentative weltliche Bauten, Gebäude mit kirchlichen und militärischen Funktionen (Stationierung einer Reitertruppe), Münzstätte, Hofwerkstätten u.a. belegt werden. Weitere zugehörige Siedlungen sowie königliche Gehege sind im Umfeld zu vermuten. Kunsthistorisch ist der Ort v.a. durch Kirchenbauten (Königsgrabkirche) und Edelmetallfunde bemerkenswert. Die hölzerne Kreuzkirche ist ein Novum, die steinerne Kirche, nur als Fundament einer kleinen Saalkirche mit halbrunder Apsis erhalten, gilt als ältester Steinbau bei den Westslaven. Die schriftlich bezeugte Kaufmannskirche konnte bisher nicht lokalisiert werden. In der Burgkirche wurden mehrere, meist gestörte Gräber freigelegt, die durch ihre Beigaben (Fingerringe, davon einer mit Thebalcuttani-Inschrift, goldene Schläfenringe als Teile einer Garnitur) auf die gehobene Stellung der Bestatteten hinweisen. Drei Kindergräber waren beigabenlos. Zu erwähnen sind schließlich auch ein Fragment der Kirchenausstattung (silbernes Kruzifix) und eine → Alsengemme in Goldfassung mit Affinitäten zu Werkstätten der ottonischen Hofkultur.



Abb. Alt Lübeck. 4) Alt Lübeck um 1100 (nach H. H. ANDERSEN).




Abb. Alt Lübeck. 3) Wall II, Holzpackung um 1055 (nach H. H. ANDERSEN).




Abb. Alt Lübeck. 1) Wall I, um 819 (H. H. ANDERSEN).







Autor(en)Author(s)
H. HELLMUTH ANDERSEN

Erstellungsdatum
Creation Date
1995-01-01

Literatur und Quellen
References
Qu.: Adam von Bremen; Helmold; Schleswig-Holstein-Lauenburgische Reg. und Urkunden I, bearb. P. HASSE, Hamburg - Leipzig 1886; UB der Stadt Lübeck, Lübeck 1843. Lit.: W. H. FRITZE, Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat, in: Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder, hg. H. Ludat, Gießen 1960, 141 - 216; W. NEUGEBAUER u.a., A. L., ein Forschungsber., in: Offa 21/22, 1964/1965, 127 - 283; W. LAUR, Hist. Ortsnamenlexikon von Schleswig-Holstein, Schleswig 1967, 143; T. KEMPKE, Frühslawische Keramikfunde aus A. L., in: Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgesch. 3, 1980, 7 - 11; W. HÜBENER, Die Ausgrabungen im slawischen Burgwall A. L. 1949, in: ebd., 13 - 37; H. H. ANDERSEN, Neue Grabungsergebnisse 1977 zur Besiedlung und Bebauung im Innern des slawischen Burgwalles A. L., in: ebd., 39 - 50; DERS., Der älteste Wall von A. L., Zur Baugesch. des Ringwalles, in: ebd. 5, 1981, 81 - 94; DERS., Neue Untersuchungen zum Ringwall von A. L., in: ebd., 95 - 102; K. W. STRUVE, Die Burgen in Schleswig-Holstein, 1: Die slawischen Burgen, Neumünster 1981, 13 - 16; Forschungsprobleme um den slawischen Burgwall A. L., Bonn 1984 (Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgesch. 9); dass. II, Bonn 1988 (ebd. 13); T. KEMPKE, A. L.s Aufstieg zur Königsresidenz, in: ZfA 18, 1984, 93 - 100; DERS., A. L., Die Ergebnisse der Ausgrabungen 1947 - 1950, II: Der südl. Teil der Burg - Eine Synthese mit den Grabungsergebnissen 1882 - 1981, in: Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgesch. 11, 1985, 53 - 73; H. H. ANDERSEN, Das Westtor von A. L. und die drei Burgperioden, in: ebd., 75 - 87; W. HÜBENER, A. L. und die Anfänge Lübecks - Überlegungen der Archäologie zu den Anfängen ihres "städtischen" Wesens, in: Neue Forsch. zur Gesch. der Hansestadt Lübeck, Reihe B, Bd. 13, 1985, 7 - 25; H. H. ANDERSEN, Udgravningerne i Gammel Lybæk og abodriterkongen Henrik, in: Kuml, 1987, 7 - 21; A. SCHMITZ, Die Ortsnamen des Kr.es Hzm. Lauenburg und der Stadt Lübeck, Neumünster 1990, bes. 205 - 219; D. MEIER, A. L. Die Ergebnisse der Ausgrabungen 1947 - 1950 (Teil 3) und 1956 - 1972 im nördl. Burgbereich sowie erreichter Forschungsstand, in: Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgesch. 23, 1993, 7 - 46.