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  Undine Jung


Elsa Asenijeff

 

Elsa Asenijeff, geb. Elsa Maria von Packeny war im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Leipzig eine stadtbekannte Persönlichkeit.
Geboren am 3. Januar 1867 in Wien in einer großbürgerlichen Familie, die zu den Beamten- und Offizierskreisen der k&k Monarchie gehörte. In ihrem Großvater erlebte sie einen Menschen, der, obwohl hoher Offizier, in seinen Kreisen eine Ausnahme darstellte. Er hatte eine Universität besucht, las viel und beschäftigte sich mit Philosophie. Elsa hielt sich oft bei den Großeltern auf, wo sie mit ihrem Großvater den Nachthimmel erkundete und die Großmutter Geschichten erzählte.
In Wien erhielt sie eine Lehrerinnenausbildung.

Als sie das 23.Lebensjahr erreichte, waren die Eltern der Meinung, nun müsse sie heiraten, zumal sie schon ein paar glänzende Partien ausgeschlagen hatte, die ihr samt und sonders missfielen. Sie musste sich fügen und ehelichte den 11 Jahre älteren Bulgaren I. J. Nestoroff, seines Zeichen Chefingenieur und Diplomat. Diese Problematik, als Frau dem Mann ausgeliefert zu sein, wird ein beherrschendes Thema ihrer Bücher.
1896 ließ sie sich scheiden. Damit ihr als Katholikin dies möglich war, wechselte sie die Religion. Die bulgarische Regierung erteilte ihr während der Scheidungszeit die Genehmigung, die bulgarische Staatsbürgerschaft zu behalten, sowie ihr Pseudonym Asenijeff als offiziellen Namen zu führen, an ihren verstorbenen Sohn Asen erinnernd.
In ihren Tagebuchblättern gesteht sie: "Mein Gemahl hatte mich lieb. Er ist ja auch ein guter Mensch, aber immer so ein paar Stufen tiefer als ich. Das kann doch ein Weib nicht ertragen, die hinab steigende zu sein- eben weil sie die Empfangende im generellen Sinne ist." 1

 
Elsa Asenijeff um 1904
Gemälde von Max Klinger
Museum der Bildenden Künste Leipzig
 

Das sieht nun bei Max Klinger, dem sie 1898 bei einem Treffen der "Literarischen Gesellschaft" begegnet, anders aus. Diese Begegnung gab Anlass für eine Anekdote. Frank Wedekind, der Elsa wahrscheinlich zu stürmisch den Hof machte, wurde von ihr unverhofft mit einem Dolch, den sie aus ihrer Kleidung zog, abgewehrt. Sie hatte schon gewählt - Max Klinger.

Sie stand ihm Modell, bevor sie seine Geliebte wurde. Auf seine Veranlassung fungierte sie in seinem Haus als Gastgeberin, ohne dort zu wohnen. Klinger war immer bemüht, gegenüber Mutter und Schwestern den Schein zu wahren. Sie gingen oft auf Reisen, Marmor für Klingers Skulpturen suchend und wohnten dann auch zusammen.

1899 begann sie an der Universität Leipzig einige Semester Philosophie und Nationalökonomie zu studieren.
Erste Veröffentlichungen erschienen 1896 mit "Ist das Liebe?" (Erzählungen) und 1898 "Aufruhr der Weiber und das dritte Geschlecht". Der Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Intellektualität ist in ihrem Leben ein immer wieder kehrendes Thema. "Ich habe einen Widerwillen gegen die Sinnlichkeit. Dennoch bin ich ein leidenschaftliches Weib." 1 Sie schwärmt von platonischer Liebe, von geistiger Berührung, von Keuschheit, die in der Seele liegt. Sie wandte sich in ihrem Buch "Unschuld-Ein modernes Märchenbuch" vornehmlich an junge Mädchen, um über Liebe und Sexualität auf zu klären.
Dieses Buch erschien ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Desiree (1900 in Paris). Das Kind, geboren während des gemeinsamen, mehrmonatigen Aufenthalts von Elsa und Max Klinger in Paris, wurde nach der Geburt in die Obhut einer Madame Heudeline gegeben, die, unterstützt durch einen Arzt, das Kind aufziehen sollte. Um einer Unabhängigkeit willen, um schreiben zu können, trennte sie sich von ihrem Kind. "Ich suche Ruhe, Alleinsein, Nachdenken-können. All` das, was man Frauen verwehrt. Ich will einmal ins Klare mit mir, mit dem Leben kommen. Es gibt ja Seligkeiten jenseits der Liebe." 1

Elsa genoss das Leben an Klingers Seite in vollen Zügen - er malte sie, meißelte ihren Körper in Stein und goss ihn in Bronze. Sie war nicht nur seine schöne, extravagante Muse und inspirierendes Modell, sie schrieb Bücher, die immer wieder ihren Seelenzustand spiegeln - "Die neue Scheherazade", "Das Hohelied an einen Ungenannten" und die "Tagebuchblätter einer Emancipierten". Zur damaligen Zeit wirkte das Geschriebene sensationell, ja mutig, aber auch frivol.

1912 war ein bitteres Jahr für Elsa, die blutjunge Gertrud Bock zog als neues Modell und "Haushälterin" in das Weinberghäuschen bei Jena ein. Sie nahm den Kampf auf und verlor. Klinger musste keinen Unterhalt für sie zahlen. Für sie begann der Abstieg in die Armut. Ihre schriftstellerische Tätigkeit brachte ihr nicht genug ein zum Leben, Pfändung des wenigen Hab und Guts, Wohnen in Pensionen. Während des Krieges ging es auch für sie ums Überleben. Von Klinger kam keine Unterstützung, und zu dem Rest ihrer Familie (Mutter, Schwester, Sohn Heraklit) bestanden keine Beziehungen. 1922 meldet sie sich mit dem Buch "Aufschrei - Gedichte in freien Rhythmen" noch einmal zu Wort: "Wie rett ich Dich, o Welt, vom Menschen;/ ohne ihn zu vernichten!/…./Wie halt ich Milliarden Hände!/ Die sich schändend an Dir vergehen/…/Welch ein Mund,/Ihnen zu verkünden: Das Paradies hat euch geboren,/Und die Hölle habt Ihr geboren!/ Laßt noch Sterne über ihren Dünsten leuchten,/Hell brennende Gold- und Edelsteine als Grund,/Blütenüberschütteter Boden dazwischen….".1 Sie appelliert an alle, sich für das Leben und den Fortbestand der Erde verantwortlich zu fühlen.

Im Jahr 1923 wurde sie, inzwischen obdachlos und verwahrlost, in die Universitätsnervenklinik eingewiesen. Den letzten Abschnitt ihres Lebens, fast 20 Jahre, verbrachte sie entmündigt in verschiedenen psychiatrischen Anstalten, u.a. in Leipzig-Dösen und Colditz. Am 05.04.1941 starb Elsa Asenijeff im Alter von 74 Jahren in der Anstalt Bräunsdorf. Möglicherweise ist sie, wie Charlotte Eichhorn am 9.Juli 1946 in der Leipziger Volkszeitung behauptet, ein Opfer der Nationalsozialisten geworden, die unzählige Menschen in ähnlicher Situation vernichtet haben.

 

(September 2010)

 

1 Quelle:
Rita Jorek "Aufschrei" In: Ich muß mich ganz hingeben können- Frauen in Leipzig, Verlag für die Frau Leipzig 1990, S. 179 ff


 

 

 

 

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