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  Ute Tartz


Elena Gerhardt

 

 

Elena Gerhardt war eine international berühmte Mezzosopranistin und Lied-Interpretin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Erdmude Juliane Frida Gerhardt wurde am 11. November 1883 als einzige Tochter neben sieben Brüdern in Connewitz geboren, das damals noch ein Vorort von Leipzig war. Er wurde erst 1891 eingemeindet. Ihr Vater betrieb ein Ausflugslokal.
Als sie sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Leipzig.

Mit noch nicht einmal ganz 16 Jahren nahm sie 1899 am Leipziger Konservatorium ein Gesangsstudium auf. Zweieinhalb Jahre später wurde sie als Jahrgangsbeste mit dem Carl Reinecke Stipendium ausgezeichnet. Zur Konzertsaison 1903/1904 verließ sie mit reichlich Konzert-Engagements versehen das Konservatorium.

Maßgeblich gefördert wurde sie vom damaligen Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch, der ab 1902 auch Direktor des Konservatoriums war. An ihrem 20. Geburtstag, noch als Studentin, begleitete Nikisch sie bei ihrem ersten öffentlichen Konzertauftritt im Städtischen Kaufhaus in Leipzig.
Mit Nikischs Unterstützung gelang ihr der Einstieg in die Freiberuflichkeit. Er bahnte ihr den Weg auf die internationalen Konzertpodien und blieb bis zu seinem Tod 1922 ihr Förderer und Freund.

1905/1906 war sie an der Leipziger Oper engagiert. Sie sang die Partie der Mignon in der gleichnamigen Oper von Ambroise Thomas und der Charlotte in der Oper Werther von Jules Massanet, ebenfalls unter der Leitung von Nikisch.

Das kurze Engagement an der Oper führte bei ihr zu dem Entschluss, sich auf das Liedrepertoire zu konzentrieren. Sie hatte ausreichend Konzerteinladungen und brachte so das deutsche Kunstlied nach England, Frankreich, Russland, Spanien und in die USA und Kanada. Ihr Repertoire umfasste Liederzyklen und Lieder von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Hugo Wolf, Richard Wagner, Richard Strauss und Max Reger. Sie sang sowohl für die englische Königin als auch für die russische Zarenfamilie. Viele renommierte Orchester und Pianisten waren ihre Begleiter. Ihr Auslandsdebüt hatte sie 1906 in London während eines Solo-Konzertes und 1907 mit dem London Symphony Orchestra unter Nikisch in der Royal Albert Hall gegeben. Viele Konzertreisen führten sie in der Folge durch Großbritannien, wodurch sie eine besondere Beziehung zu einem auf deutsche Kunstlieder spezialisierten Publikum entwickelte. Von 1927 an gab sie in London auch Kurse für Liedinterpretation.
Ab 1929 leitete sie die Gesangsklasse am Konservatorium in Leipzig und beschränkte ihre Konzertreisen von da an auf die Semesterferien.

Im November 1932 heiratete sie Fritz Kohl, den Verwaltungsdirektor der Mitteldeutschen Rundfunk A.G. (MIRAG), den sie 1928 kennengelernt hatte.

Nach Hitlers Machtantritt 1933 wurde Fritz Kohl unter einem Vorwand fristlos entlassen. Der wahre Grund war, dass er den Nazis keine Sendezeiten bewilligt hatte und nicht der NSDAP beigetreten war. Er wurde in Untersuchungshaft genommen. Seine Frau kündigte ohne Rücksprache mit ihm die Wohnung und plante die gemeinsame Auswanderung. In ihrer Autobiografie schreibt sie dazu: "Nachdem er wieder nach Hause gekommen war, verblüffte ihn meine Entscheidung zunächst, aber schon bald wusste er, dass ich richtig gehandelt hatte." 1 Sie emigrierte 1934 nach Großbritannien, das sowieso ihre zweite Heimat geworden war. In London begann für sie eine neue Karriere, sie war Lehrerin an der Guildhall School of Music, unterrichtete auch privat, nahm Schallplatten auf, sang bei der BBC, ging auf Konzertreisen. Kohl wurde im März 1935 vom Reichsgericht Leipzig freigesprochen und verließ am selben Tag Deutschland in Richtung London. Er arbeitete hier als Leiter einer Fabrik für Röntgengeräte.

Das Leipziger Konservatorium hatte mit ihrer Emigration eine renommierte Lehrerin verloren.


 
Autobiografie Elena Gerhardt  

Nach Deutschlands Kriegserklärung 1939 an Großbritannien wurde Elena Gerhardt zum "feindlichen Ausländer" erklärt. Sämtliche Konzertverträge waren hinfällig. Die BBC sagte Aufnahmen mit Liedern in deutscher Sprache ab. Aber die britische Pianistin Myra Hess organisierte während des Krieges vom 10. Oktober 1939 bis 10. April 1946 täglich zur Mittagszeit Konzerte in der Londoner Nationalgalerie, zu denen sie auch Elena Gerhardt einlud. So hatte sie sechzehn Auftritte und sang deutsche Lieder von Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Wolf. Auch Schülerinnen kehrten wieder zu ihr zurück, mit denen sie 1942 Pergolesis "Stabat Mater" aufführte. Im Rahmen des Truppenbetreuungsdienstes ENSA sang sie ebenfalls deutsche Lieder.

1947 starb Fritz Kohl. Sie beendete im gleichen Jahr ihre Gesangskarriere und unterrichtete nur noch.

1953 veröffentlichte sie ihre Memoiren unter dem Titel "Recital". Inzwischen gibt es sie auch in deutscher Übersetzung.1 Darin schreibt sie über ihre Karriere: "Ich denke oft, wie glücklich ich war, meine Laufbahn am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen zu haben, und meine öffentliche Anerkennung noch vor dem Ersten Weltkrieg auszubauen, als es noch keine Kinos, Radio oder Fernsehen gab. Heute müssen junge Sänger in der Lage sein, alles zu machen, von Pantomime, musikalischer Komödie bis Oper, Oratorium und Konzerten, nur weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. In der Zeit meines Debüts war das nicht nötig." 1

Sie starb am 11. Januar 1961 in London. Ihre Urne wurde neben der ihres Mannes auf dem Nord-Londoner Friedhof Crematorium Golders Green unter einer jungen Trauerweide beigesetzt.

 

(März 2015)

 

1 Quelle:
Elena Gerhardt: Mein Lieder-Leben. Memoiren, übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Jutta Raab Hansen, Kamprad 2011


 

 

 

 

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