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  Undine Jung


Luise Adelgunde Victorie Gottsched

 

 


 
Luise Adelgunde Victorie Gottsched  

Als Tochter des Danziger Arztes Georg Kulmus wurde sie am 11. April 1713 geboren. Ihr Vater stand im Dienst August des Starken, die Mutter war eine geistig rege und lebhafte Frau. Die sehr begabte Luise lernte frühzeitig die französische und englische Sprache, sowie Griechisch, spielte Klavier und Laute und komponierte kleine Stücke. Außerdem wurde sie schon frühzeitig zum Lesen moralisch-philosophischer Schriften angeregt.
Mit 14 Jahren schickte sie Johann Christoph Gottsched einige ihrer poetischen Versuche. Er antwortete ihr mit den Worten: "Ich lese ganz entzückt die geisterfüllten Lieder, die Du mir zugesandt, und seufz' in meinem Sinn: Ach schade, dass ich nicht in Danzig bin". 1729, sie war 16 Jahre, kam es zur ersten persönlichen Begegnung mit Gottsched, dem ein reger Briefwechsel folgte. 1734 war für Gottsched die finanzielle Grundlage für die Gründung eines Ehestandes gegeben - er erhielt eine außerordentliche Professur in leipzig.
1735 heirateten sie in Danzig und zogen im selben Jahr nach Leipzig, wo sie sich sogleich wohl fühlte, wie aus einer Äußerung ihrerseits hervor ging. "Es gefällt mir sehr. So klein der Ort in seiner Ringmauer ist, so reinlich sind die Straßen, und wohlgebaut die Häuser. Die Lebensart der Einwohner ist artig und einnehmend, ein Lobspruch, den sich die Sachsen fast durchgängig erworben haben." 1

Eine intensive, schaffensreiche Zeit begann - sie "belegte" Vorlesungen ihres Mannes über Philosophie, Poetik und Redekunst, hinter einer halb geöffneten Tür, da Frauen zur damaligen Zeit offiziell keinen Zutritt hatten. Latein und Kompositionslehre standen ebenfalls auf ihrem "Lehrplan".
Als Gehilfin und Sekretärin ihres Mannes führte sie die Korrespondenz, schrieb Schriftstücke ab und beteiligte sich an Übersetzungen von Büchern und Zeitschriften aus verschiedenen europäischen Sprachen. Darüber hinaus führte sie eigenständige Voruntersuchungen durch oder lieferte Beiträge zu den Werken ihres Gatten, wie Sprachkunst, Kritische Historie der deutschen Sprache oder die sechs Bände der Deutschen Schaubühne, in denen eine Vielzahl von ihren Übersetzungen aus dem Französischen gedruckt wurden.

Die "Gottschedin" unterstützte die Bühnenreform ihres Mannes und bemühte sich um ein neues deutsches Lustspiel. Im Sinne der Theaterreform ihres Mannes übernahm sie die Sparte "Komödie" und sorgte mit Übersetzungen, Bearbeitungen und eigenen Stücken für eine Erweiterung des Repertoires an deutschen Bühnen.

Hier entfaltete sich ihr schöpferisches Talent- eine humoristische Ader und ein feiner Sinn für die Satire machten ihre Stücke unverwechselbar. Das erste ,von Adelgunde Gottsched verfasste, satirisch-moralische Stück "Die Pietisterey im Fischbein-Rocke" (1736) erschien anonym. Es nahm falsche Frömmigkeit aufs Korn und wurde vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. als "recht gottlose Schmähschrift" betitelt. In einigen Städten durfte das Stück nicht aufgeführt werden.

Ab dem 4. Band der Deutschen Schaubühne erschienen von ihr verfasste Komödien, die so genannte "sächsische Typenkomödie" wie z.B. "Die ungleiche Heyrath" (1743), "Die Hausfranzösin oder die Mammsell" (1744), "Das Testament" (1745), "Der Witzling" (1745) und Tragödien (z. B. "Panthea"), die vorwiegend anonym erschienen oder mit dem Kürzel L.A.V.G. versehen herausgegeben wurden.
Für ihre Geschichte der lyrischen Dichtkunst der Deutschen fand sich kein Verleger.

Zu den umfangreichsten literarischen Projekten des Ehepaares Gottsched gehörte die Übersetzung von "Bayles Dictionnaire historique et critique" (1695-1697). Dieses vierteilige Werk erschien unter dem Titel "Herrn Peter Baylens ... Historisches und Critisches Wörterbuch, nach der neuesten Auflage von 1740 ins Deutsche übersetzt" im Zeitraum von 1741 bis 1744. Von den 635 Artikeln stammen 330 aus der Feder der "Gottschedin". Mit unermüdlichem Fleiß, feinem Sprachgefühl und umfangreichen Kenntnissen auf vielen Gebieten der Wissenschaften und Künste übersetzte sie ohne Mithilfe die 10-bändige "Geschichte der Königlichen Wissenschaften zu Paris" ins Deutsche und gab sie heraus.

Obgleich mit aufklärerischem Gedankengut vertraut, vertrat sie in der Frauenfrage die damals übliche Position: die Bestimmung des Weibes sind Familie und Haushalt, Begabungen und Fähigkeiten sind Nebengeschäfte. Sie sah sich als "geschickte Helferin" ihres Mannes und nicht als eine Dichterin von Beruf. Sie setzte sich für eine gute Bildung von Frauen und Mädchen ein, ohne bestehende gesellschaftliche Grenzen anzutasten: "Ich erlaube meinem Geschlecht einen kleinen Umweg zu nehmen; allein, wo wir unsere Grenzen aus den Augen verlieren, so geraten wir in ein Labyrinth und verlieren den Leitfaden unserer schwachen Vernunft, die uns doch glücklich ans Ende bringen sollte….Aus diesem Grund versichere ich Sie, dass ich meinen Namen nie unter den Mitgliedern der deutschen Gesellschaft wissen will."1 Sie lehnte die geplante Krönung zur gelehrten Poetin durch die "Deutsche Gesellschaft" als unangemessen ab.

Obwohl sie Kinderwunsch hegte, begann sie Mitte der 40-ziger Jahre zu ahnen, dass die Vorsehung ihren Lebenswege festgelegt hatte, wie sie sich in einem Brief an die Freifrau von Kunkel äußerte: "Nein, gnädige Frau, die Vorsehung hat mich nicht für gut befunden, mich mit einem Kind zu begnadigen. Ich würde es als ein Geschenk des Himmels ansehen, allein im Fall ich keines von ihm erhalten soll, ergebe ich mich in den Willen Gottes……Ich will im Fall ,die Vorsehung diese Wohltat, aus weisen und mir aus ersprießlichen Absichten versagen sollte, mich desto eifriger bemühen, meinen Beruf auf andere Art getreulich zu erfüllen…..An allem diesem würde ich verhindert werden, wenn ich ein Kind hätte, denn auf dieses würde ich meine ganze Zeit verwenden." 1

Ehrungen und Auszeichnungen wurden ihr reichlich zu teil. So hat die Kaiserin Maria Theresia sie 1747 bei einer Audienz in Wien als gelehrteste Frau Deutschlands bezeichnet.
Ihr Mann allerdings bezeichnete sie immer als seine "Schöpfung", die nur durch ihn diese Stufe erreicht hat.

1752 erkrankte Luise Gottsched an einer Form der Malaria, dem Tertianfieber. Erst jetzt gönnte sie sich Pause in Form von Erholungsreisen, auf denen sie allerlei Ehrungen erfuhr. Gerüchte über Eskapaden ihres Gatten drangen ab 1754 zu ihr. Ab 1760 war die "Gottschedin" so krank, dass sie das Schreiben aufgeben musste, kaum noch etwas aß, öfters ohnmächtig wurde und sich häufig Aderlässen unterzog. Ihrer Freundin Dorothea Henriette von Runckel teilte sie in Briefen mit, als Ursache ihrer Krankheit betrachte sie ihre 28 Jahre lange ununterbrochene Arbeit für ihren Mann, Gram im Verborgenen und über sechs Jahre hinweg unzählige vergossene Tränen.

Am 26. Juni 1762 starb Luise Gottsched nach mehreren Schlaganfällen und teilweiser Lähmung im Alter von nur 49 Jahren in Leipzig.
Gottsched heiratete kurz nach ihrem Tod zum dritten Mal. Dorothea Henriette von Runckel veröffentlichte von 1771 bis 1773 posthum die Briefe der "Gottschedin".

Um professionellen Literaturübersetzern einen "Bildungsurlaub" zu ermöglichen, schreibt der Deutsche Übersetzerfonds das Luise-Adelgunde-Victorie-Gottsched-Stipendium aus. Der Stipendiat erhält den Betrag von € 3.000 und kann sich eine Zeitlang gezielt und konzentriert um seine persönliche Weiterbildung kümmern.

 

(Januar 2011)

 

1 J. G. Gottsched Briefwechsel Band 4 1736-1737 S.217/218, Herausgeber: D.Doring, R.Otto, M.Schlott

 

 

 

 

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