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Die Umgestaltung des Paulinums
nach den Plänen von Arwed Roßbach

Die Entwicklung der Universität nach der Reichsgründung, vor allem das Ansteigen der Studentenzahlen und die Gründung neuer Institute, Seminare und Lehrstühle machte sich zunehmend in der Enge der räumlichen Verhältnisse am Hauptstandort zwischen Augustusplatz und Universitätsstraße bemerkbar. Auch die seit der Universitätsreform von 1830 realisierten Neu- und Umbauten sowie die Entwicklung des akademischen Viertels im Johannistal und die neue Universitätsbibliothek, die zusammen einen Flächenzuwachs für Lehrzwecke von 35 750 m² brachten, reichten nicht aus. Hinzu kam, dass das von Geutebrück gebaute und 1836 in Betrieb genommene Augusteum mit seiner klassizistischen Fassade nicht mehr den Ansprüchen nach einem repräsentativen Hauptgebäude der Universität entsprach. So schrieb Stieda: "Abgesehen von Portal und Giebel war das Augusteum ein unbedeutendes Bauwerk, an dessen Veränderung der Architekt ohne Skrupel herantreten durfte." 1
Seit 1884 bemühte sich der akademische Senat beim Staatsministerium in Dresden um einen Neubau im Paulinum. 1890 wandte sich die Universität gegen eine Lösung mit einigen kleineren Neubauten und Umbaumaßnahmen an vorhandenen alten Gebäuden und schlug statt dessen einen umfassenden Neubau vor, wobei Bornerianum, Mauricianum, Fürstenhaus und Paulinerkirche erhalten bleiben sollten. Mit dem Abbruch von Mittelpaulinum, Vorderpaulinum, Senats- und Konviktgebäude, Beguinenhaus, Böhrschem Haus sollten die noch verbliebenen alten Gebäude verschwinden und die Voraussetzungen für Bauten geschaffen werden, die den Bedarf von 28 neuen Hörsälen mit 3280 Plätzen langfristig decken sollten 2.
Mit der Ausarbeitung eines Entwurfs war der Leipziger Architekt Arwed Roßbach beauftragt worden, von dem bereits die Pläne der neuen Universitätsbibliothek, der Neubauten des Roten Kollegs, der Frauenklinik und der Kinderklinik stammten. Der Entwurf im Stile der Neorenaissance sah vor (siehe Grundriss 3):


Paulinum

Grundriss des Paulinums nach Roßbach (mit Anklicken vergrößern)

Die Kosten für diesen Umbau wurden von Roßbach mit 2 850 000 Mark berechnet. Mit königlichem Dekret vom 3. Dezember 1891 wurden die Baumaßnahmen begründet und die verfassungsmäßig erforderliche Genehmigung eingeholt.4 Noch im gleichen Jahr wurde der Umbauplan durch die Landstände genehmigt. Sie gaben zunächst 2 200 000 Mark frei. 600 000 Mark wurden für ein Darlehen vorgesehen.
Auf dieser Grundlage erfolgte nach Prüfung durch die staatlichen Baubehörden in Dresden und Leipzig und die Technische Hochschule Dresden die endgültige Ausarbeitung des Umbauplans durch Roßbach. Am 2. August 1892 wurde mit dem Abbruch der alten Gebäude und Schritt für Schritt mit der Errichtung der Neubauten und dem Umbau des Augusteums und des Bornerianums begonnen.
Die Bauarbeiten wurden ohne Unterbrechung des Lehrbetriebs durchgeführt. Es wurden fertiggestellt und in Betrieb genommen:
  • 1895 das Johanneum
  • 1896 das Albertinum
  • 1896 das Paulinum an der Universitätsstraße
  • 1896 das zum Seminargebäude umgestaltete Bornerianum
  • 1894/96 südlich des Paulinums das neue Beguinenhaus, der Goldenen Bär und das neue Seminargebäude Universitätsstraße 13
  • Bis 1897 erfolgte der Umbau des Augusteums mit der Neugestaltung der Fassade und der Veränderung der repräsentativen Räume im Inneren, besonders der Aula, des Senatssaales und des Eingangsbereichs. Das Schinkeltor fand seinen Platz am Durchgang zwischen Augusteum und Rentamt
Am 15. Juni 1897 wurde der neugestaltete Universitätskomplex eingeweiht. Die Kosten wurden mit 3 174 175 Mark abgerechnet 5.

Augustusplatz

Augustusplatz von Osten (Radierung von Otto Sager 1909, Kunstbesitz der Universität)

Von 1897 - 1899 wurde Geutebrücks klassizistische Ostfassade der Paulinerkirche durch die neogotische Fassade von Roßbach ersetzt, die nach dem Vorbild des Doms von Orvieto gestaltet wurde. Der Aufwand betrug 463 627 Mark 6.
Die Fassade des Augusteums, aber auch die Innenräume, wurden mit reichhaltigen bildhauerischen Kunstwerken ausgestaltet. Dazu kamen Gemälde verschiedener Künstler. Die künstlerische Gestaltung der Aula wurde Max Klinger übertragen. Sein großes Wandbild "Die Kultur der Griechen" (6 x 20 m) wurde anlässlich der 500-Jahrfeier 1909 fertiggestellt.
Der Gebäudekomplex am historischen Standort der Universität wurde beim Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 schwer getroffen. Die Gebäude an der Universitätsstraße und der Grimmaischen Straße einschließlich des Bornerianums wurden vollständig zerstört, Augusteum, Albertinum, Johanneum wurden schwer beschädigt. Die Universitätskirche St. Pauli überstand den Krieg nahezu unbeschädigt. Sie wurde am 13. Mai 1968 zusammen mit den Ruinen der Universitätsgebäude auf Anordnung der DDR-Führung gesprengt, um Platz für die Neubauten der Universität zu schaffen und damit den Bruch mit der jahrhundertelangen Tradition auch äußerlich zu vollziehen.

Quellen:
Drucker, R.: Die Universitätsbauten 1650-1945 in Füßler, H. (Hrsg.): Leipziger Universitätsbauten, Leipzig 1961; S.192-197, 203
Bruck, R.: Arwed Roßbach und seine Bauten, Berlin 1904; S. 66 - 74
Stieda, W.: Die Universität Leipzig in ihrem 1000. Semester, Leipzig 1909
Czok, K,: Der Höhepunkt der bürgerlichen Wissenschaftsentwicklung, 1871 bis 1917
in Rathmann, L. (Hrsg.): Alma mater Lipsiensis Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig, Leipzig 1984; S. 193 - 197
Universitätsbauten Roßbach http://www.htwk-leipzig.de/wiwi/wirtinformatik/win/rossbach/architektur/universitaet.html
Baugeschichte der Universität Leipzig http://axes.informatik.uni-leipzig.de/~zerbst/uni_hist/bau.htm
http://www.paulinerkirche.org/
http://de.wikipedia.org/wiki/Augusteum
http://de.wikipedia.org/wiki/Paulinerkirche_(Leipzig)

Fußnoten:
1 Stieda, W.: Die Universität Leipzig in ihrem 1000. Semester, Leipzig 1909; S. 21
2 Vgl. Drucker, R.: Die Universitätsbauten 1650-1945 in Füßler, H. (Hrsg.): Leipziger Universitätsbauten, Leipzig 1961; S.193
3 Ebenda, S. 203
4 Vgl. Stieda, W.: Die Universität Leipzig in ihrem 1000. Semester, Leipzig 1909; S. 21/22
5 Eulenburg, F.: Die Entwicklung der Universität Leipzig in den letzten hundert Jahren, Leipzig 1909; S.162
6 Ebenda; S.162

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